Was ist Fundamentalismus?

Nach Schirrmacher können fünf Phasen des öffentlichen Sprachgebrauchs unterschieden werden:

1. Ab 1920: Selbstbezeichnung von Protestanten, die gegen die liberale Theologie an den Fundamenten des christlichen Glaubens und an der göttlichen Inspiration der Bibel festhielten.

2. 1960er: Gegenstück zum Fallibilismus des kritischen Rationalismus (Karl Popper, Karl Albers): Jede philosophische Position, die davon ausging, dass es begründbare wahre Aussagen für bestimmte Fragen oder Bereiche des Denkens gebe, galt als ‚fundamentalistisch‘.

3. Seit der iranischen Revolution von 1979: Politischer Begriff für alle gewaltbereiten oder gewalttätigen, oft terroristischen islamischen Bewegungen, die sich gegen die Grundlagen der politischen Theorie des Westens wie Demokratie, Menschenrechte und Trennung von Religion und Staat richtete.

4. Übernahme des Begriffs in den rein politischen Bereich: Beschreibung der Flügel zivilisationskritischer Bewegungen, die einen Kompromiss mit herrschenden Regierungen ablehnen.

5. Die verschiedenen Bedeutungen werden miteinander verquickt.

Schirrmachers Definition:

Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch,

der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtstaatliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet.

Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Grössen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.

Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus. SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010. S. 10-15.