Über die Schattenseiten der Ich-Inflation

Ein Freund hat mich auf das Interview Narzissten im Vormarsch mit dem Psychologen Hans-Werner Bierhoff aufmerksam gemacht. Dieser ortet eine starke Zunahme der Selbstdarstellung:

Die Selbstdarstellung hat deutlich zugenommen, man sehe sich nur mal all diese Castingshows an. Der Schönheitskult war noch nie so verbreitet wie heute. Gleichzeitig gibt es auch eine starke Betonung darauf, dass jeder brillant und überdurchschnittlich sein will, dass jeder sozusagen ein Held sein kann. Was dabei nicht aufgeht, ist die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen trotzdem in bestimmten Aufgaben nur durchschnittlich ist. Und diese Diskrepanz wird dann zum Problem.

Auf die Ursachen angesprochen, landet er sofort bei der Erziehung:

Eine Hauptursache liegt sicher in der Erziehung, oder besser gesagt: in dem Umgang mit unseren Kindern. … Da ist zum einen der intensive Konsum von Medien, in denen narzisstische Promis eine zentrale Rolle spielen. Diese zunehmende «Infektion» der jungen Generation durch dieses gesellschaftliche Virus ist besonders Besorgnis erregend. Zum anderen ist es so, dass heute die meisten Eltern nur noch ein, maximal zwei Kinder haben und die Ansprüche an diese wenigen Nachkommen enorm hoch sind. Viele sind überzeugt, ein «besonderes» Kind zu haben.

Durch das Normen-Vakuum könne sich der Narzissmus gut verbreiten:

Die Bindungskraft sozialer Normen hat in den letzten 50 Jahren in den westlichen Kulturen abgenommen. In diesem Vakuum kann sich ein «offensiver» Narzissmus ideal verbreiten.