Die Tretmühlen des Glücks: Was Glück verspricht, verhindert in der Realität Glück.

Biswanger beschreibt vier Tretmühlen:

Die Statustretmühle
Das Luxusauto von gestern wird schnell zum Durchschnittsauto von heute (49). Denn Statusgüter werden nachgefragt, um relative Bedürfnisse wie Geltung oder Status zu befriedigen (53). Die Vergleichsgruppe für Statusobjekte sind die Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen. Mit anderen Worten: Bettler beneiden keine Millionäre, sondern andere Bettler, die mehr verdienen als sie selbst (54). Das bedeutet: Der Wettbewerb um Status ist ein Nullsummenspiel (57). Und: Es wird immer schwieriger aufzufallen (65).

Die Anspruchstretmühle
Wo vor einigen Jahrzehnten eine Dreizimmerwohnung mit Kohlenfeuerung genügte, muss heute ein EFH mit 250 qm Grundfläche her. Die Krux ist: Mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche (73). Wir überschätzen das künftige Glück – auf Kosten echter Glückfaktoren (74). Wer nie mit dem Erreichten zufrieden ist, ist unglücklich.

Die Multioptionstretmühle
Statt die Vielfalt zu geniessen, leiden wir unter der Qual der Wahl – denn die Opportunitätskosten (= entgangener Nutzen einer alternativen Verwendung der Zeit) steigen (85). Beispiel Fernsehen: Die am häufigsten gewählte Kapitulationsstrategie besteht darin, dass man einfach ein paar wenige Sendungen auf gewohnten Kanälen schaut und den Rest der vielen Fernsehprogramme ignoriert. Beispiel Supermarkt: Vor den Regalen gibt es eine Vielzahl zu treffender Entscheidungen, die wenig Freude machen, aber unser Budget massgeblich beeinflussen (89). Ahnlich ist es bei grossen Entscheidungen: Da es keine klar definierten gesellschaftlichen Regeln mehr gibt („anything goes“), werden die Entscheidungen anspruchsvoller. Ja, es gilt sogar: Je zahlreicher die Optionen sind und je komplexer sie werden, desto fehleranfälliger werden die „geistigen Buchhaltungen“ (101).

Die Zeitspartretmühle
Nehmen wir den Arbeitsweg: Schnellere Verkehrsmittel und bessere Strassen beendeten die traditionelle Nähe zwischen Wohnort und Arbeitsplatz (107). Die Pendlerwege wurden immer weiter. Die Regel: Gibt es mit zunehmendem Einkommen mehr Optionen und bleibt das Zeitbudget konstant, wird die Zeit zunehmend knapp (111). Das Paradox: Zeiten, die kein Geld einbringen, gelten als Zeitverschwendung (112). Tagsüber wird jede Minute gespart und abend dreieinhalb Stunden vor dem Fernseher verschwendet… (weil die Menschen tagsüber gestresst sind, können sie abends nichts mehr Sinnvolles tun). Und: Auch das Internet frisst mehr Zeit, als es spart…

Aus: Mathias Biswanger. Die Tretmühlen des Glücks. Herder: Freiburg i. Br. 2010.