Gesetz und Geist: Eine alternative Sichtweise des Galaterbriefes (2)

Der Galaterbrief beschäftigt sich fast ausschliesslich mit dem Verhältnis der Christen zum alttestamentlichen Gesetz. Kein Mensch wird durch Gesetzeswerke gerecht (Gal 2,16), ja wenn dem so wäre, wäre Christus umsonst gestorben (Gal 2,21). Den Geist Gottes empfängt niemand durch das Gesetz (Gal 3,2). Die Gesetzesgerechtigkeit kommt nicht aus Glauben (Gal 3,12), weswegen uns Christus vom Fluch des Gesetzes erlösen musste (Gal 3,13). Wer durch das Gesetz gerecht werden will (Gal 5,4), muss das Gesetz insgesamt und nicht nur Teile davon, wie etwa die Beschneidung (Gal 6,13), einhalten (Gal 5,3). Fazit: Das Gesetz ist kein Heilsweg.

Was jedoch erst bei genauem Lesen auffällt: Es gab in der Gemeinde der Galater zwei sich bekämpfende Parteien. Die eine war gesetzlich, die andere gesetzlos, die eine machte das Gesetz zum Heilsweg, die andere verwarf das Gesetz ganz. Einige Hinweise aus dem Brief: Der Galaterbrief berichtet von einem Streit in der Gemeinde (Gal 5,15; 5,26); die Gemeinde bestand vorwiegend aus Heidenchristen, es werden aber zugleich judenchristliche Problemstellungen angesprochen; häufig wird nur ein Teil der Gemeinde angesprochen (Gal 4,21; 5,4); es gibt Texte, in denen Paulus davor warnt, das Gesetz zu verwerfen und unmoralisch zu leben (Gal 5,13-14); Paulus hält den freizügigen Christen immer wieder positive Aussagen über das Gesetz entgegen (Gal 3,21+24; 5,14; 5,19-20; 5,23; 6,2). Fazit: Paulus steht zwischen beiden Gruppen und warnt beide Seiten.

Aus: Thomas Schirrmacher. Gesetz und Geist. RVB: Hamburg 1999.

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