Das Geheimnis des Zuhörens

Paul Tournier, Arzt und Seelsorger (1898-1986), hat sein letztes Buch mit „Vivre à l’écoute“ überschrieben, zu deutsch „Zuhören können“. Menschen aus der ganzen Welt reisten zu ihm nach Genf, um mit ihm zu sprechen. Scheinbar banale Gespräche führten zu einem intensiven Kontakt. Hier einige Ausschnitte:

  • So viele Männer und Frauen jeden Alters und in jeder Lebenslage sind zu mir gekommen, fest entschlossen, einmal ganz wahr zu sein, während man im Leben ständig abwägen muss, was man sagen soll und was nicht.
  • Der echte Dialog ist sehr selten, während in den Diskussionen jeder seine Partie spielt, und die Ideen sich kreuzen, ohne sich zu begegnen.
  • Wenn so viele Leute mich aufsuchen, so geschieht es, um einen ruhigen, einen friedlichen Menschen zu finden, der zuhören kann und mit seinen Gedanken nicht schon bei etwas anderem ist. Wenn das Leben randvoll ist, hat nichts mehr darin Platz: selbst Gott kann nichts mehr hinzufügen.
  • Die Menschen sprechen sich in dem Mass über ihre Probleme aus, wie wir bereit sind, ihnen zuzuhören.
  • So sehr ich von der Wichtigkeit des Suchens nach dem Willen Gottes für den Betreffenden selbst überzeugt bin, so skeptisch bin ich in bezug auf die Möglichkeit, diesen Willen Gottes für andere zu formulieren.
  • Was den Leuten hilft, ist das, was auch mir geholfen hat, das heisst, die Begegnung mit Personen, die wirklich von ihren Leiden, ihren Schwierigkeiten, ihren Hindernissen, ihren Weigerungen, ihren Ausflüchten zu sprechen.
  • Dieser Patient ist mir von Gott gesandt worden; er hat Probleme; Gott ist es, der sie lösen kann, nicht ich. Ich  muss ihn empfangen und zur persönlichen Begegnung bereit sein.
  • Ich muss gestehen, dass ich mich vor der Begegnung mit den Patienten fürchte, gerade weil ich keine Technik habe. Es wäre so bequem, über eine Technik zu verfügen. Man müsste nur die Maschine in Gang setzen. Aber der Vorgang spielt sich in uns selbst ab, das will heissen, zwischen Gott und uns.
  • Es geschieht oft, dass wir sprechen, wenn wir schweigen sollten und schweigen, wenn wir sprechen sollten. Unglücklicherweise halten wir uns oft für verpflichtet zu sprechen.
  • Man fordert nicht Gleichheit, sondern Würde. Man möchte ernstgenommen werden, als gültiger Gesprächspartner anerkannt sein, nicht nur in einer Diskussion, sondern auch in einem Dialog.

Aus: Paul Tournier. Zuhören können. Herder: Freiburg 1986.

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