Die moderne Familie

Es sind zwei hoch individualisierte – jedoch in ihrer Individualisierung instabile, anfällige – Ichs, die da als Partner zusammenfinden. Mann und Frau haben, wenn sie zusammenkommen, nur sich selber und ihre Bedürftigkeiten. Kein übergeordneter Rahmen der Tradition, kein verinnerlichtes Familienethos und kaum eine soziale Kontrolle stabilisiert ihre Beziehung. Wenig oder nichts ist von dem geblieben, was für frühere Generationen zwar enge normative, aber in Konflikten eben auch stabilisierende Bezüge einbrachte.

Die moderne Familie ist ein Arrangement zur wechselseitigen Befriedigung von Bedürfnissen, die einen prinzipiell egozentrierten Charakter haben. Wird mein Partner meiner Ich-Bedürftigkeit nicht gerecht, dann gibt es eigentlich gar keinen Grund, mit ihm zusammen zu bleiben. Frauen beschwören gern ihr "Bauch-Gefühl" und betreiben eine Trennung aktiver, Männer verharren eher in einer mürrischen Trägheit oder entfernen sich innerlich aus der Familie, ohne sie formal ganz zu verlassen. Freiheit, Weite und unaufhörliche Intensität fordert der ich-bezogene Anteil des modernen Charakters. Zugleich verlangt es ihn nach Heimat und Treue, einen verlässlichen Ort, indem man auch Schwäche zeigen darf. Beides sucht er in einer Familie – eine extrem zugespitzte, emotional dichte und fragile Konstruktion.

Diese Anfälligkeit ist modernen jungen Ehepartnern auch gegenwärtig, bewusst oder beinahe bewusst. Die Folge: Familie darf keine Sekunde in Frage gestellt werden, bei jedem Konflikt hat ja der Bestand von Ehe und Familie insgesamt auf dem Spiel. Also wird, wie ein Schutzwall, aus der Bedürfnisgemeinschaft zugleich eine Harmoniegemeinschaft. Das auf seine jeweiligen Gefühlzustände ungehemmt und zugleich hochempfindsam reagierende Ich erträgt Konflikte schlecht. Harmonie um fast jeden Preis – so lautet die Bewältigungsformel, auf die sich viele Familien insgeheim verständigen. Aber fortwährende Harmonie gibt es nicht. Die moderne Kleinfamilie ist ein seelisch explosiver Ort.

Aus: Wolfgang Bergmann. Computersüchtig. Beltz: Weinheim und Basel 2009.

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