Bedrängt von der eigenen Sündhaftigkeit: Die Vorwehen der Erweckung

Diese Ausschnitte haben mich beim Lesen geschüttelt:

Seitdem ich in dieser Stadt wohne, hat mich der Blick auf meine eigene Sündhaftigkeit und Nichtswürdigkeit oft schwer bedrängt; sehr häufig in einem solchen Maß, dass ich infolgedessen laut weinen musste, manchmal sogar eine beträchtliche Zeit lang, sodass ich häufig gezwungen war, mich einzuschließen. Ich habe dadurch meine Niedertracht und die Bosheit meines Herzens viel stärker empfunden, als dies jemals vor meiner Bekehrung der Fall war. Oft kam es mir vor, als wäre ich in den Augen Gottes, wenn er die Bosheit bekannt machen würde, der allerschlechteste aller Menschen – aller, die von Anbeginn der Welt bis heute je gelebt haben. Dabei hatte ich den Eindruck, dass mir der weitaus niedrigste Platz in der Hölle zugedacht wäre. Meine Schlechtigkeit, wie sie sich in meinem Wesen zeigt, erscheint mir schon seit Langem völlig unaussprechlich. Es ist, als seien all meine Gedanken und Vorstellungen darunter begraben – wie bei einer ungeheuren Flut oder wie im Falle von Bergen, die über meinem Haupt aufragen. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, welchen Eindruck ich von meinen Sünden habe. Könnte ich es besser tun, als wenn ich sagte, dass ich unendlich auf unendlich türmen und unendlich mit unendlich multiplizieren müsste? Sehr oft sind seit diesen vielen Jahren diese Ausdrücke in meinem Geist und in meinem Mund gewesen: »Unendliche Schuld häuft sich auf unendliche Schuld … Unendlich, ja, unendlich!« Wenn ich in mein Herz blicke und meine Bosheit betrachte, erscheint es mir wie ein Abgrund, unendlich tiefer als die Hölle. (148-149)

Murray kommentiert dazu:

Er hatte aus eigener Erfahrung gelernt, was andere vor ihm festgestellt hatten: Diejenigen, die nur eine schwache Vorstellung von der wahren Natur der Sünde erlangten, bestanden auf der Fähigkeit des Menschen, Buße tun und glauben, die Sünde hassen und Gott lieben zu können. Wer aber den wahren Zustand der menschlichen Wesensart versteht, kann nur in der Erkenntnis Trost finden, dass Gott aufgrund seines souveränen Wohlwollens und zum Preis der Herrlichkeit seiner Gnade Menschen errettet. Geistliche Erfahrungen und fundierte Theologie gehören zusammen. (150)

Dann wieder Edwards:

Ich erkannte Folgendes: Es muss aus freier Gnade geschehen, dass wir zu der unendlichen Höhe der ganzen Fülle und Herrlichkeit des großen Jahwe emporgehoben und erhöht werden – zum Arm seiner Macht und Gnade, ausgestreckt in aller Majestät seiner Macht und in aller Herrlichkeit seiner Souveränität. Wenn dies nicht so wäre, würde mir sein, als versänke ich in meinen Sünden selbst noch unter die Hölle – weit unter alles, wohin irgendetwas oder irgendjemand blicken könnte, außer dem Auge der souveränen Gnade, das selbst eine solche Tiefe zu durchdringen vermag. Und doch scheint mir meine Sündenerkenntnis überaus klein und schwach zu sein, zumindest dahin gehend, dass sie ausreicht, mich in Erstaunen zu versetzen, kein tieferes Sündenbewusstsein zu haben … Ich habe jetzt ein stärkeres Bewusstsein meiner allumfassenden, außerordentlichen Abhängigkeit von Gottes Gnade und Kraft. In letzter Zeit habe ich mehr Freude, als ich früher besaß; und ich erlebe einen größeren Abscheu vor meiner eigenen Gerechtigkeit. Schon der Gedanke daran, dass in mir etwas aufsteigt, dessen ich mich erfreuen könnte, erregt in mir Übelkeit und Abscheu. Das Gleiche gilt, wenn ich meine Liebenswürdigkeit, Leistung bzw. Erfahrung oder irgendeine Güte des Herzens und des Verhaltens betrachte. Und doch werde ich stark durch eine von Stolz und Selbstgerechtigkeit gekennzeichnete Gesinnung angefochten, was mir jetzt viel stärker bewusst wird als früher. Ich sehe, dass die Schlange den Kopf erhebt und nach mir stößt – immerfort, überall und rings um mich her. (151-152)

Murray zitiert dann Shedd:

Wie W. G. T. Shedd schreibt, muss diese Wahrheit, wo immer sie in rechter Weise aufgenommen wurde, praktische Folgen haben: »Ohne sie sind einige unerlässliche Kennzeichen einer echten christlichen Erfahrung unmöglich. Darum wendet Paulus sie unentwegt an, um wahre Buße angesichts der Sünde, tiefe Demütigung vor Gott, äußerstes Misstrauen gegen sich selbst, alleiniges Vertrauen auf das Opfer Christi sowie eine frohe Erlösungshoffnung und -zuversicht hervorzurufen. Paulus möchte nicht, dass der Sünder auf die eigene Fähigkeit und darauf baut, was Gott ihm (angeblich) schuldig ist. Vielmehr soll er darauf vertrauen, was in Gottes gnaden reichem und unverdientem Ratschluss sowie in seiner Bundesverheißung begründet liegt. (153)

Und hier ein Ausschnitt aus Edwards’ berühmter Rede in Boston:

Der Mensch neigt von Natur aus in verhängnisvoller Weise dazu, sich selbst zu erheben und auf die eigene Kraft oder Güte zu vertrauen, als ob er erwarten könne, sein Glück aus sich selbst hervorzubringen. Er tendiert stark dazu, viel von Vergnügungen zu halten, die mit Gott und dem Heiligen Geist nichts zu tun haben. Darin versucht er, sein Glück zu finden. Aber diese Lehre sollte uns die Lektion vermitteln, Gott allein zu erheben – sowohl durch Hoffen und Vertrauen als auch durch Loben. Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn! Hofft irgendjemand darauf, errettet und geheiligt zu sein, und darauf, dass sein Geist wahre Vortrefflichkeit sowie geistliche Anmut besitzt? Hofft er, dass seine Sünden vergeben sind und er Gottes Gnade empfangen hat? Besteht seine Hoffnung darin, dass er zu der Ehre und der Glückseligkeit gelangt ist, ein Gotteskind und ein Erbe des ewigen Lebens zu sein? Möge er Gott alle Ehre geben, der allein ihn aus dem Kreis der schlechtesten Menschen auf dieser Welt oder der Elendesten unter den in die Hölle Verdammten herausgehoben hat. (157)

 Watts und Guyse schreiben im Vorwort der Veröffentlichung der Rede:

Wo immer Gott mit Macht in seinen Heilsabsichten am Geist der Menschen wirkt, da wird mancherorts ein Gespür für Sünde zu finden sein. Man wird sich der Gefahr des göttlichen Zorns und der Allgenugsamkeit seines Sohnes Jesus Christus bewusst sein, die uns von all unseren geistlichen Nöten und Kümmernissen befreien kann. (Isaac Watts und John Guyse) (163)

Aus: Iain H. Murray. Jonathan Edwards. CLV: Bielefeld 2011.

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