Ich such’ mir eine neue Kirche (3): Ich will Znüni.

Wir kehren zurück in die Niederungen der Gegenwart, in meinen ganz normalen Sonntag. Die Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst gehört zu den anspruchsvollsten Zeiten der Woche. Denn: Die Führung in der Familie ist – im Unterschied zu den Wochentagen – bei mir. Wir haben den Anspruch einen Ruhetag einzuschalten. Meine Söhne sind meist schon früh wach (und wenn nicht, dann wecken sie sich gegenseitig). Meiner Frau möchte ich noch einige Minuten mehr Ruhe gönnen (und sie mir umgekehrt auch). An manchen Sonntagen sind wir ausserdem in der Kirche im Einsatz, müssen Dinge absprechen und die letzten Vorbereitungen treffen. Wir frühstücken gemeinsam, und wir ziehen alle frisch an. Diese Kumulation von ausser-gewöhnlichen Elementen hat zur Folge, dass die Wahrscheinlichkeit ansteigt, dass meine Nerven blank liegen.

So verliess ich heute Sonntag das Haus um halb Neun, meine Frau blieb zurück, um noch einige Momente der Ruhe zu haben. Die Wegstrecke bin ich damit beschäftigt, einerseits die vielen Fragen der Buben zu beantworten, und andererseits untereinander für Frieden zu sorgen. Wir legen einen Rast auf dem Spielplatz ein. Nachdem ich mich um friedliches Spiel bemüht habe (ehrlich, du kannst nicht einfach davon ausgehen, dass die Kinder alles selber regeln), finde ich Momente für einige Verse aus der Bibel und ein paar Notizen.

Auf dem Weg treffen wir einen alten Freund an, der eine andere Gemeinde besuchen wollte, und dann mit uns mitkommt in den Gottesdienst. Wir kommen in der Kinderecke ins Gespräch. Er äussert grundsätzliche Zweifel am religiös inszenierten Bild von manchen frommen Menschen. Manches hätten wir uns einfach zurecht gelegt. Gebet? Das ist doch (ehrlicherweise) eine Einwegkommunikation, und kein Gespräch mit Gott. Wer redlich an die Fragen herangehe, werde doch zugeben müssen, dass wir uns manches nur – einreden.

Dann beginnt der Gottesdienst. Eine Latino-Truppe ist bei uns zu Gast. Gott sei Dank, sie kommen von Südamerika, um im geistlich toten Europa Streiter und Geld für die Mission zu sammeln – und natürlich um auf Gottes Herz für die Mission aufmerksam zu machen. Umrahmt ist das ganze mit äusserst beschwingter und emotional aufpeitschender Musik. Wir singen Liebeslieder für Gott.

Mein Zweijähriger, dem ich die Vorstellung nicht zu lange zumuten möchte (für die anderen bete ich und denke, dass die unter 30-minütige Einlage durch ihr junges Gehör wieder regeneriert werde), wird nach einigen Liedern unruhig. Ich gehe aus dem Gottesdienstraum und freue mich über das Erscheinen meiner Frau und dem Jüngsten. Wir gehen in die Krabbel-Ecke, damit sie stillen kann. Mein Zweitjüngster dreht auf. Nachdem es ihm langweilig geworden war (vielleicht ist es auch fehlende Gewöhnung, ich war als Kind immer den ganzen Gottesdienst dabei), äussert er nun lautstark seinen Wunsch: “Ich will Züni.” Das genau ist nun der Höhepunkt des Gottesdienstes für ihn. Er möchte am liebsten ans Buffet und Kuchen essen. Das sagt er jeden Sonntag.

Mir geht durch den Kopf: “Wir wissen ja gar nicht mehr, nach was wir Hunger haben sollen.” Wir schwingen einen Gottesdienst lang mit und freuen uns an den professionellen Einlagen: Musik, Film, Zeugnisse, Kurzpredigt und Appell. Nach spätestens einem Tag (oder schon nach einigen Stunden) hat uns der nüchtern-kalte Schweizer Alltag wieder eingeholt. Der Aufruf “Wir brauchen dich und dein Geld” ist wieder verhallt.

Mein Zweijähriger ist im Wartemodus. Er will ständig aus der Türe gehen. Anstatt mit den vielen Spielsachen zu spielen, nimmt er wahllos dies und das und beginnt damit zu lärmen. Er wartet auf Besseres, sprich, die Mahlzeit. Ich erzähle ich zwei Geschichten, doch die Aufmerksamkeit lässt (im Unterschied zu sonst) zu wünschen übrig. 

Erstaunt bin ich immer wieder, wie je nach Art des Gottesdienstes ein ganz anderes Publikum zugegen ist. Man könnte sagen, es ist ausgewechselt. Der äussere Rahmen steht jedenfalls: Freundliches Lächeln – ein schwacher Abdruck der Liebe untereinander, wie sie Jesus als Kennzeichen der Christen hinstellt und nach der wir uns alle sehnen. Mein Sohn signalisiert mir: Die Gemeinde ist ein Ort, an dem ich wählen und bestimmen kann. Man schränkt mich nicht ein. (Sorry, da kommt mir die ganze Geschichte mit der Konsumkultur unweigerlich in den Sinn. Das “konsumistische Manifest” lässt grüssen.)

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2 Kommentare

  1. Znüni näh ist nie falsch ;-)
    Und denke daran, jeder Mensch, auch die noch so kleinen, haben schon von früh auf Ihren eigenen Charakter, welcher sich “nah dies nah” entwickelt. Ich hatte auch ganz andere Sachen im Kopf als kleiner, welche mir in der reformierten Kirche freude bereiteten, doch letztendlich waren es die Menschen im Alltag um mich herum, welche mich auf Jesus aufmerksam machten. Dein Sohn hat da eine ganz andere Ausgangslage… also Kopf hoch und freue Dich darüber, dass ihm “unseren” Znüni schmeckt (inkl. Kaugummi ;-) !

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