Der fünfte Bub (119): Ich und mein Stecken.

Sie haben bald Tradition, die kurzen Erzählungen über Erlebtes aus dem Bus. Wieder einmal fahre ich mit meiner Familie und finde Zeit, um meine Umgebung wahrzunehmen. Dieses Mal ist es eine Mutter mit einem wohl drei-, vierjährigen Bub und der jüngeren schlafenden Tochter im Wagen. Der Junge erzählt und erzählt. Er lebt in seiner Geschichte. Er hält einen Stecken in der Hand. Auch beim Aussteigen plappert das Mäulchen weiter. Dass er dabei der Mutter immer wieder im Wege stand, mag ihm verziehen sein (das ist entwicklungsbedingt einfach so).

Was mich beschäftigt: Da gibt es Kinder – und es sind nicht die vernachlässigten -, die entwickeln von klein auf eine enorm enge Bindung zur Mutter. Die Botschaften, die sie erreichen, sind zweierlei: Auf der einen Seite werden sie ständig gelobt und auf Händen getragen. Und auf der anderen Seite wird ihnen (vor allem nonverbal) signalisiert: “Du wirst mir zu viel.” Diese widersprüchlichen Botschaften signalisieren den Jungs: Du bist der wichtigste, und darum wirst du anderen zu viel. Deine Geschichten sind nicht nur wichtig, um sie dreht sich die Welt. Der Psychologe Bierhoff nennt das Narzissmus und sagt: “Die meisten Eltern haben nur noch ein, maximal zwei Kinder,  und die Ansprüche an diese wenigen Nachkommen sind enorm hoch. Viele sind überzeugt, ein «besonderes» Kind zu haben.”

Lass doch dem Jungen sein Stecken! Egal ob er damit die Mutter oder andere Passanten behindert. Mein Sohn braucht diesen Raum, um sich gut entwickeln zu können. Wir alle müssen halt ein Stück mitleiden. Da ich als Mutter am nächsten dran bin, ist auch mein Leid am grössten. Dafür wird einmal ein Mann von Welt sein.

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