Eingeübte Unselbständigkeit

Dagmar Neubronner hat ein ausgezeichnetes Interview zur Bildungsfreiheit gegeben – sehr lesenswert!

Homeschooling ist eine Art Familien-Zwergschule zu Hause, bei der die Eltern als Lehrer fungieren und den Kindern einen festen Lehrplan vorgeben. Bei dem von unseren Söhnen praktizierten Freilernen folgen die Kinder ihren eigenen Entwicklungsimpulsen und entwickeln bzw. behalten selbst die Verantwortung für das, was sie tun wollen. Und sie wollen nicht abstrakt „lernen“, sondern handelnd leben. Wir Eltern unterstützen sie dabei in einer beratenden Funktion, sorgen für Material, geben Tipps und Anregungen, stehen für Erklärungen, Gespräche etc zur Verfügung, bieten Unternehmungen an und ermöglichen unseren Kindern den Alltag in der „realen“ Welt (auf die Schule ja nur vorbereiten soll), vertrauen aber ansonsten der „intrinsischen Lernmotivation“ unserer Kinder. In den meisten sogenannten Homeschool-Familien wird eine Mischform aus diesen beiden Polen gelebt. Viele starten mit stark strukturiertem Homeschooling und landen nach und nach beim Freilernen, weil die Eltern merken, wie stark der Impuls, die Welt zu erforschen bei ihren Kindern natürlicherweise ist. Es gibt eine sehr große Begeisterungskraft dafür, sich Kulturtechniken zu erarbeiten, kreativ zu sein und sich aktiv einzubringen, besonders wenn sich Kinder von der Schulerfahrung, die auf viele eher lähmend wirkt, erholt haben. Die Struktur dieses „informellen Lernens“ ist äußerlich meist erst im Nachhinein erkennbar, sie folgt dem inneren Entwicklungsplan eines jeden Kindes, ist daher vollkommen individuell und wird von den Kindern auch gar nicht als „Lernen“ erlebt.

Neubronner verweist u. a. auf den Bestseller “Dumbing Us Down” von John Taylor Gatto:

Gatto sagt: Was Kinder in der Schule wirklich lernen, steht in keinem Lehrplan. Sie lernen nämlich Verwirrung durch die vielen zusammenhanglosen Stoffpakete, sie lernen Unselbständigkeit, sie lernen, ihre Begeisterung im 45-Minutentakt an- und abzustellen und nie etwas wirklich zu Ende zu bringen. Sie lernen, sich einzuschmeicheln und zu taktieren, weil sie ständig durch Fremde nach undurchschaubaren Gesichtpunkten bewertet werden und diese Bewertung ihr ganzes Leben bestimmt. Und sie lernen, dass immer die Hälfte von ihnen „unterdurchschnittlich“ ist. Dies bleibt so, egal wie viele Reformen und Verbesserungen vorgenommen werden: Es ist ja mathematisch unausweichlich, dass immer die eine Hälfte der Schüler unterdurchschnittliche Leistungen bringt, die andere Hälfte überdurchschnittliche.

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