Offenbarung + Tradition + Erfahrung?

Rosino Gibellini fasst die hermeneutische Methode des berühmten katholischen Dogmatikers Edward Schillebeeckx so zusammen:

Die nachkonziliare katholische Theologie, die sich mit der weltlichen Kultur auseinanderzusetzen begann, wurde sich bewusst, dass die theologische Reflexion aus zwei Quellen gespeist wird: aus der Offenbarung und der christlichen Tradition auf der einen und aus der menschlichen Erfahrung auf der anderen Seite. Und die Aufgabe der hermeneutischen Bemühung besteht darin, diese beiden Quellen (oder Pole), den christlichen Glauben und die menschliche Erfahrung, in eine ständige Relation zu bringen. Aber der Glaube selbst, als Zustimmung zur Offenbarung (der ersten Quelle der Theologie), hat die Struktur einer Erfahrung; der Glaube ist eine Erfahrung, und zwar ist er eine Erfahrung mit Erfahrungen, und das heisst, er ist eine christliche Erfahrung mit menschlichen Erfahrungen (die Erfahrung mit sich selbst und mit der Welt, wleche die Christen als Menschen machen). Am Anfang steht also nicht eine Lehre, sondern es ‚begann mit einer ganz bestimmten Erfahrung‘, die eine ‚Geschichte von Erfahrungen‘ in Gang brachte.

Am Ursprung des Neuen Testaments steht in der Tat eine Begegnung, nämlich zwischen Jesus und seinen Jüngern. In dieser ‚überraschenden und überwältigenden‘ Begegnung haben die Jünger eine Heils-Erfahrung gemacht, die sie dann interpretiert und schriftlich festgehalten haben. Auch die Interpretation ist Teil der Erfahrung, insofern jede Erfahrung interpretative Elemente enthält, ein interpretierendes Wahrnehmen ist. Das gesamte Neue Testament ist der Rechenschaftsbericht über eine interpretierte Heils-Erfahrung: Die Erfahrung formt sich zu einer Botschaft, und die Botschaft verwandelt sich im Hörer zu einer Lebens-Erfahrung. Die Botschaft verweist zurück auf eine Erfahrung als Ursprung und bewirkt als Ergebnis wiederum eine Erfahrung. Die göttliche Offenbarung ist in ihrem Ursprung nicht eine Lehre, sondern die freie Inititative Gottes, der sich in Taten zeigt und mitteilt. Diese bewirken eine Heils-Erfahrung, die interpretiert und in einer schriftlichen Botschaft festgehalten wird. Die Botschaft enthält eine Lehre, aber nicht diese Lehre ist das vorrangige Element, sondern die Erfahrung. Die Lehre ist eine Art Systematisierung der Erfahrungs-Inhalte auf der Ebene der Reflextion und der Vertiefung. Sie dient der Weitergabe und der erneuten Wirksamkeit einer solchen Heils-Erfahrung. Und indem sie Erfahrung in Gang bringt, fügt sie sich ein in die lebendige christliche Tradition. ‚Alles in allem handelt es sich um eine sich fortsetzende Geschichte der christlichen Erfahrung‘.

Aus: Edward Schillebeeckx im Gespräch. Edition Exodus: Luzern 1994.

P. S. Diese Sicht weist m. E. der Erfahrung einen überhöhten Stellenwert zu.