Der 1000. Beitrag: Interview „Warum wir unsere Kinder unterrichten“

Die Bonner Querschnitte haben heute eine Pressemitteilung zu meinem ersten Buch veröffentlicht. Hier ist das Kurzinterview:

Wie kommt ein Theologe dazu, über ein pädagogisches Thema zu schreiben?

Dafür gibt es vier Gründe. Zuerst: Ich bin wohl mit dem Lehrer-Gen auf die Welt gekommen. Es ist Teil des Potenzials, das Gott mir zugeteilt hat. Ich kann mich gut erinnern, wie ich als Siebenjähriger an meinem neuen Pult saß und mit einem Rotstift meine eigenen Notizen korrigierte.

Spaß beiseite: Es hat zweitens viel mit meinem Verständnis von Theologie zu tun. Theologie ist die Anwendung von Gottes Wort in jeden Bereich des Lebens – so die Definition des kanadischen Theologen John Frame. Das bedeutet, dass ich mein ganzes Leben aus dieser Perspektive durchleuchte. Zuerst geht es um die eigene Familie: Da ich weiß, dass sie eine von Gott geschaffene Institution ist und ich deren dienender Leiter bin, investiere ich viel Energie in ihre Entwicklung. So habe ich vor vier Jahren eine Familienvision entwickelt. Als Ökonom weiß ich, dass Vision in Strategie, Ziele und Maßnahmen ausbuchstabiert werden muss. Das habe ich getan.

Das Thema Lernen ist drittens Hauptthema meiner beruflichen Tätigkeit. Ich arbeite seit 12 Jahren in der Erwachsenenbildung. Und sie steht viertens auch im Zentrum meines kirchlichen Dienstes: Dem Predigen und der Durchführung von Seminaren. Sie sehen: Eigentlich müsste ich zwei weitere Bücher schreiben – eines für den Beruf und eines für die Kirche.

Sie unterrichten selbst fünf Söhne zu Hause. Ist die Arbeit also eine reine Selbstverteidigung? Oder hat die Arbeit auch Ihre Arbeit als ‚Lehrer‘ verändert?

Offiziell unterrichten wir erst zwei Söhne. Aber Sie haben Recht: Das Unterrichten bzw. Lernen ist bei uns nicht an die Institution Schule gebunden. Das Thema „Home Education“ ist eng mit der Entwicklung der Familienvision und -strategie verknüpft. Am Anfang des Theologiestudiums hatte ich im Rahmen der Ethik davon gelesen und sofort mit eigenen Recherchen zum Thema begonnen. In einer nächsten Phase haben wir andere Familien in der Schweiz besucht. Die Vergewisserung vor Ort hat uns dermaßen beeindruckt (gerade unser Eindruck von Erwachsenen, die von ihren Eltern unterrichtet worden waren), dass wir selber die Umsetzung dieser Bildungsalternative ins Auge fassten. Die Recherchen habe ich verschriftlicht und zur Masterarbeit in Theologie erweitert.

So ist denn auch der erste Teil „Theologische Grundlagen der Pädagogik“ für mich der entscheidende. Nebenher gab es noch ein ganz praktisches Ziel: Interessierten eine schriftliche Hilfestellung an die Hand geben zu können. So führe ich zahlreiche Gespräche zum Thema Familie und Erziehung. Für mich ist Home Education eine valable Bildungsinitiative, die allerdings gut bedacht sein will. Wir müssen uns hüten, eine utopische Vorstellung einer Traum-Kindheit zu entwickeln. Als Eltern sind wir „funktionale Vorgesetzte“. Wenn wir die Kinder auch noch als junge Erwachsene zu stark an uns binden, setzen wir uns letztlich an die Stelle Gottes. Davon schreibe ich auch in diesem Buch. Ich bin nicht der Gott meines Kindes, sondern sein Vorgesetzter während der ersten Lebensetappe. Und als solcher bin ich verantwortlich für die Entwicklung des Kindes.

Nach allen Recherchen, vor allem unterstützt durch die Ergebnisse der modernen Bindungsforschung, bin ich der Ansicht: Eine enge Bindung am Anfang ist die Voraussetzung für die gesunde Loslösung des Kindes.

Worin unterscheidet sich die Lage in der Schweiz von anderen Ländern?

Die Gesetzgebung der Schweiz widerspiegelt stark deren föderalistische Struktur – aus meiner Sicht ein Gut, dass es unbedingt zu bewahren gilt. So bestehen in allen Kantonen der Schweiz unterschiedliche Regelungen zu Home Education. Zusammengefasst präsentiert sich die Situation wie folgt: Home Education ist grundsätzlich in allen Kantonen erlaubt; in manchen Kantonen wird ein Lehrpatent und/oder eine Bewilligung benötigt. Leider haben mehrere Kantone in den letzten Jahren eine sehr restriktive Handhabung entwickelt. Das ist für mich unverständlich. Denn es ist unbedingt zwischen einer Schul- und einer Bildungspflicht zu unterscheiden.

Wenn Eltern die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen (und das werden sie sich in aller Regel gründlich überlegt haben), dann ist höchstens sicherzustellen, dass die Kinder ihre Lernziele erreichen. Ich wünschte mir, dass jedes Kind auch in der Schule eine individuelle jährliche Überprüfung der Lernziele absolvieren dürfte, wie das bei meinen Kindern geschieht.

Das Martin Bucer Seminar nimmt für sich in Anspruch, „Mission durch Forschung“ zu betreiben. Wie haben Sie das selbst erlebt?

Meine elf wissenschaftlichen Arbeiten während des Studiums am Martin Bucer Seminar habe ich allesamt zu persönlich relevanten Themen verfasst. Beispielweise habe ich mich stark mit Viktor Frankl und dem in der Personalentwicklung sehr populären Konstruktivismus beschäftigt. Diese Arbeiten bieten mir heute Andockstellen für zahlreiche Gespräche. Insofern habe ich den Anspruch „Mission durch Forschung“ nicht nur erlebt, ich wurde selbst ermutigt, diesen Ansatz zu leben.