Die fremde Würde des Menschen

Herrlich formuliert:

Wer im Menschen den Entwurf des Schöpfers sieht, der diesem Menschen gegeben und zur Verwirklichung aufgegeben ist, der erkennt in dieser Relation zum Schöpfer die entscheidende Pointe menschlichen Daseins. Der Mensch ist kein Seiendes, das durch irgendwelche Eigenschaften – wie Vernunft, Gewissen, aufrechter Gang usw. – zu einem privilegierten Wesen würde. Seine Würde und Unantastbarkeit beruht vielmehr darauf, dass es aus den Händen des Schöpfers entlassen wird, dass diese Hände sich über seinem Leben breiten und es geleiten, bis es wieder zu dem gelangt, der es ins Leben entliess. Das Geheimnis menschlichen Seins gründet darin, dass der Herr des Lebens es zu einer Geschichte mit sich beruft. Insofern lässt sich menschliches Sein in seinem Wesen nicht dadurch ergründen, dass man ontologisch seinen Bestand und Zustand untersucht. Ganz entsprechend  beruht auch seine Würde nicht in jenen Eigenschaften, sondern, wenn man so will, in seinen ‚Aussenschaften‘: nämlich in jenem Bezuge zu dem, der den Menschen erschafft, anspricht, beruft und ihm Ziele gibt, die er erreichen oder verfehlen kann. Deshalb sprechen wir nicht von einer eigenen, auf Eigenschaften gegründeten Würde menschlichen Seins, sondern – im Sinne Luthers – von einer ‚fremden Würde‘. Der Mensch ist der ‚Augapfel‘ Gottes. Wer ihn antastet, rührt Gott selbst an. Die Würde des Menschen gründet in dieser verliehenen Teilhabe an göttlichem Leben. Die Geschichte, in die Gott ihn mit sich berufen hat, macht Grund, Ziel und Sinn seiner Existenz aus. Sie ist das Geheimnis seiner Identität.

Helmut Thielicke, Mensch werden – Mensch sein, Piper: München 1976. (102-103)