Über die Hauptsünde – den Hochmut

Gott zu verlassen und bei sich selbst sein oder sich selbst gefallen, heisst also nicht nichts sein, sondern sich dem Nichts nähern. Darum nennt die Heilige Schrift die Hochmütigen aus selbstgefällig. Gut aber ist’s, sein Herz droben zu haben, nicht jedoch bei sich selbst, denn das wäre Hochmut, sondern bei Gott. Das ist der Gehorsam, das Kennzeichen der Demütigen. Seltsam! Demut hat etwas an sich, was das Herz emporhebt, und Hochmut etwas, was das Herz herabzieht. Es scheint zwar ein Widerspruch zu sein, dass der Hochmut nach unten, die Demut nach oben führen soll. Aber fromme Demut unterwirft sich dem Höheren, und nichts ist höher als Gott. Darum erhöht die Demut, die Gott untertänig macht. Der sündhafte Hochmut aber verschmäht seinem Wesen nach die Unterordnung und fällt von dem herab, der höher ist als alles. … Darum wird jetzt im Gottesstaate … der noch die Welt durchpilgert, zuallermeist die Demut ans Herz gelegt, wird sie an seinem Könige Christus zuhöchst gerühmt und an seinem Widersacher, dem Teufel, das Gegenteil dieser Tugend, das Laster des Hochmuts als seine Hauptsünde von der Heiligen Schrift aufgedeckt.

Aurelius Augustinus. Vom Gottesstaat. dtv: München 2007. (14,13)

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