Wie man einen Autoren für seine Zwecke vereinnahmt

Der Bonhoeffer-Kenner Rainer Mayer schreibt über Bonhoeffer:

Viele wollen ihren eigenen Absichten unter Berufung auf ihn eine besondere Autorität geben. Unterschiedliche Gruppen haben ihn für sich und ihre Ziele vereinnahmt. Bonhoeffer ist nicht nur der am meisten zitierte, sondern wohl auch der am meisten missbrauchte Theologe der Neuzeit.

Bonhoeffer wurde als Märtyrer und Zeuge für die jeweilige Richtung in Anspruch genommen:

Als Bultmanns Entmythologisierungsprogramm aktuell war, fand man in der ‚nichtreligiösen (weltlichen) Interpretation biblischer Begriffe‘ eine angebliche Parallele. Als es modern war, im Anschluss an Gogarten die Säkularisierung als zwangsläufige und legitime Folge des christlichen Glaubens zu rechtfertigen und für die ‚Weltlichkeit der Welt‘ zu plädieren, fand man in Bonhoeffers Äusserungen über die ‚mündige Welt‘ angebliche Begründungen. Als die kirchliche Akademiearbeit weithin die ‚Tagesordnung der Welt‘ zu ihrem Programm machte, berief man sich auf Bonhoeffers These von der ‚Kirche für andere‘. Als die ‚Gott-ist-tot-Theologie‘ Aufsehen erregte, sah man im ‚religionslosen Christentum‘ bei Bonhoeffer eine angebliche Übereinstimmung. Als es modern wurde, theologische Begriffe in Soziologie aufzulösen, suchte man bei Bonhoeffer Unterstützung, denn er hatte ja Jesus Christus als ‚Mensch für andere‘ bezeichnet und die soziale Dimension der Mitmenschlichkeit betont.

Bei der Diskussion um das Antirassismusprogramm des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) als einer praktischen Konsequenz der ‚politischen Theologie‘ und der ‚Theologie der Revolution‘ ging man über den literarischen Anschluss an ‚Widerstand und Ergebung‘ hinaus und berief sich allgemein auf Bonhoeffer als Widerstandskämpfer …. Schliesslich stützte man sich in der Frage der internationalen wirtschaftlichen Gerechtigkeit auf ihn. … Gegenwärtig muss Bonhoeffer als Kronzeuge für den ‚konziliaren Prozess‘ in ökumenischen Netzwerken herhalten.

Mayers Fazit:

Ganz offensichtlich wird Bonhoeffers Werk fragmentarisch rezipiert und interessegeleitet interpretiert.

Rainer Mayer. Dietrich Bonhoeffer – Vollendung im Fragment. Brunnen: Giessen/Basel 1996. (11, 18-19)

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