Unser Wille und der Heilige Geist

… der Wille des Menschen wird zur Erfüllung der Gerechtigkeit von Gott auf folgende Weise unterstützt: zum einen ist der Mensch begabt mit der freien Entscheidung seines Willens erschaffen, und zum anderen schreibt ihm die Belehrung durch das Gesetz seinen Lebenswandel vor. Über beides hinaus aber empfängt er den Heiligen Geist. Dieser weckt in des Menschen Seele eine freudige Liebe zu jenem höchsten und unwandelbaren Gut, zu Gott. Und das gilt jetzt schon, wo wir im Glauben aber noch nicht im Schauen wandeln (vgl. 2Kor 5,7). Diese Liebe ist ihm gleichsam als Unterpfand der Gnade gegeben, und dadurch entbrennt das Verlangen, seinem Schöpfer anzuhangen, und mit glühender Inbrunst trachtet er danach, an jenem wahren Licht (vgl. Joh 1,9) teilzuhaben. So erwächst ihm aus Gott, dem er schon sein Dasein verdankt, auch das Gutsein. Denn selbst der freie Wille taugt nur zum Sündigen, wenn der Weg der Wahrheit verborgen bleibt. Und wenn ihm auch die zu erfüllende Aufgabe und das erstrebenswerte Ziel allmählich klar vor Augen treten, kommt es doch nur dann zum Handeln, zum Beginnen und somit zu einem guten Leben, wenn sie auch Freude machen und Liebe finden. Dass man aber Gott liebt, dazu wird ‚die Liebe Gottes in unsere Herzen‘ ergossen nicht durch die freie Entscheidung des Willens, die aus uns kommt, sondern ‚durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist‘ (Röm 5,5).

Aurelius Augustinus, Der Geist und der Buchstabe, III,5.

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