Die Klagelieder (1): Weinen vor Gott

Wir nehmen uns keine Zeit zum Trauern und habe auch kaum Ausdrucksmittel dafür. Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich in der Autobiografie von Jehan Sadat (der Frau des ermordeten ägyptischen Präsidenten Sadat) von einer vierzigtätigen Trauerzeit las. So etwas ist uns fremd.

Ein ganzes Buch der Bibel ist mit „Klagelieder“ überschrieben. Der Prophet Jeremia, der über Jahrzehnte den demütigenden und traurigen Niedergang seines Volkes miterleben musste, klagt darin über den Zusammenbruch seines Volkes. Der Gipfel war die Zerstörung Jerusalems, der Stadt, der Hauptstadt und dem Zentrum des Gottesdienstes.

Jeremia gibt seinem Schmerz körperlich und mit Worten Ausdruck. Es ist gleichzeitig Gebet:

Darum weine ich, und mein Auge, ja, mein Auge zerfließt in Tränen, weil der Tröster fern von mir ist, der meine Seele erquicken sollte; meine Kinder sind verwüstet, denn der Feind war zu stark. (1,16)

Meine Augen sind ausgeweint, mein Inneres kocht; mein Herz schmilzt in mir wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes, weil Kind und Säugling verschmachten auf den Straßen der Stadt! (2,11)

Mein Auge tränt unaufhörlich und kommt nicht zur Ruhe, bis der Herr vom Himmel herabschauen und dareinsehen wird. (3,48)

Weinen vor Gott – könnte das eine Ausdruckform sein, die uns abhanden gekommen ist?