Warum eine pluralistische Gesellschaft dringend die Gewissensbildung einzelner braucht

Es sind einige lange Theologen-Sätze, doch bedenkenswert:

Ein in allen persönlichen und gesellschaftlichen Situationen prompt und empfindsam reagierendes Gewissen setzt feste gesellschaftliche Normen und eine geschlossene Sozialisation voraus, die zur weitgehenden Identifizierung des einzelnen mit der Gesellschaft führen und sein Gewissen entsprechend prägen. Da wir heute … in einer durch ständigen Institutionenwandeln gekennzeichneten Weltgesellschaft leben, die Institutionen und Organisationen sich immer mehr zweckrational und immer weniger wert- und sinnrational verstehen … und entsprechend gestaltet werden, ist eine geschlossene Sozialisation und eine entsprechend starr normierte Gewissensbildung weder möglich noch wünschenswert.

Die Wertorientierung wird in einer pluralistischen Gesellschaft … mehr und mehr zu einer persönlichen Leistung des einzelnen; Werte müssen den sich rein funktional verstehenden Institutionen personal eingestiftet werden.

… Normenvielfalt führt zu Orientierungslosigkeit; Orientierungslosigkeit führt zu Normenverfall, Normenverfall zur Schwächung des Gewissens. Wir befinden uns hier in einem Teufelskreis, weil die zweckrational ausgerichtete pluralistische Gesellschaft einerseits Menschen mit wachem Gewissen braucht, die in der Lage sind und die Kraft haben, den anonymen Institutionen Sinn und Werte personal einzustiften, sie zu ethisieren. Andererseits klammert die zweckrational ausgerichtete Gesellschaft Sinn- und Wertfragen systematisch aus und verhindert so die Gewissensbildung.

Rainer Mayer in: Dietrich Bonhoeffer, Vollendung im Fragment, Brunnen: Giessen/Basel 1996. (121-122)

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