Calvin über die Ursünde

Calvin gibt zu bedenken, dass über die erbliche Verderbnis, Ursünde genannt, seit je ein gewaltiger Streit geherrscht habe, denn

dem gemeinen Menschenverstand ist nichts so befremdlich, als dass wegen der Schuld eines Menschen alle schuldig sein sollten und so also die Sünde allgemein werde. (Institutio, II,1,5)

Eine Frage ist zunächst: Weshalb hat Gott überhaupt das Verbot ausgesprochen, nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen?

Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu nehmen, war ja eine Prüfung im Gehorsam: Adam sollte durch seine Folgsamkeit beweisen, dass er gern Gottes Befehl sich unterwarf! (II,1,4)

Mit der schnöden Verachtung von Gottes Freigebigkeit und der Anmassung, sich über sein Gebot hinwegzusetzen, ist das Geschlecht Adams ins Elend gestürzt worden. Es ist ausser Zweifel,

dass die Kreatur einen Teil der Strafe trägt, die der Mensch sich zugezogen hat, zu dessen Nutzen sie erschaffen war. So ist also nach allen Seiten, droben und hienieden, aus Adams Schuld der Fluch entsprungen, der auf allen Gebieten der Welt ruht – und deshalb ist es durchaus nicht widersinnig, dass er auch auf seine gesamte Nachkommenschaft übergegangen ist. Nachdem also einmal das himmlische Bild in ihm zerstört war, ist er nicht allein für seine Person damit gestraft worden, dass nun an die Stelle der Weisheit, Kraft, Heiligkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit, die ihn einst geziert hatten, die übelsten Verderbnisse traten: Blindheit, Kraftlosigkeit, Unreinheit, Eitelkeit, Ungerechtigkeit, — sondern in eben dieses Elend hat er auch seine Nachkommenschaft verwickelt und hineingestoßen. (II,1,5)

Die Ursprungssünde hat also die ganze Nachkommenschaft Adams und auch die ganze Schöpfung betroffen. Die Frage ist nun: Wie denn?

Wir hören, dass die Unreinigkeit der Voreltern derart auf die Nachfahren übergeht, dass alle ohne jede Ausnahme vom Ursprung her befleckt sind. (II,1,6)

Römer 5,12ff macht deutlich: Gerechtigkeit und Leben sind „in Adam verloren, um in Christus wiedergewonnen zu werden.“ (ebd.) Adams Stellung war nicht nur die des ersten seines Geschlechts, sondern mit einer Wurzel vergleichbar.  „Adam ist nicht nur Ahnherr der menschlichen Natur, sondern er ist sozusagen ihre Wurzel, und deshalb ist durch seine Verderbnis billigerweise das ganze Menschengeschlecht zerrüttet worden.“ (ebd.) Adams Nachkommenschaft ist angesteckt mit der Verderbnis. Wie Augustin zitiert er Paulus im Epheserbrief:

Auch könnte Paulus nicht sagen, alle Menschen seien von Natur Kinder des Zorns (Eph. 2,3), wenn sie nicht von Mutterleibe an unter dem Fluche stünden. (II,1,6)

So sieht Calvin nichts Widersinniges darin, dass

auch die Natur nackt und arm dasteht, und dass dadurch, dass er von der Sünde befleckt wurde, die Ansteckung auch in die Natur eingedrungen ist! So sind aus der faulen Wurzel faule Äste emporgeschossen, und die haben wiederum ihre Fäulnis den anderen Sprösslingen mitgeteilt, die aus ihnen hervorgingen! (II,1,7)

Durch Adam repräsentiert, verlor Adam für sein Geschlecht die Gaben, die ihm von Gott zuteil geworden waren. Darum ist die Ansteckung nicht etwa im Grundwesen der Natur zu suchen. Adam hat uns „in seine Schuld verwickelt“ (II,1,8). Alle haben gesündigt (Röm 5,12). Die Verderbnis entstammt nicht unserer Natur, sondern ist eine „von aussen hinzukommende Eigenschaft“ (II,1,11).

Calvin braucht neben dem Baum noch zwei weitere Metaphern: Die Verderbnis der menschlichen Natur gleicht einem Schmelzofen, „der einmal angekündet ist, nun Flammen und Funken von sich gibt, oder eine Quelle das Wasser ohne Aufhören aus sich hervorsprudelt“ (II,1,8).

Fazit: „Der ganze Mensch ist von Kopf bis zu Fuß wie von einer Sintflut derart über und über (mit Sünde) bedeckt, daß kein Teil unberührt ist, und deshalb wird alles, was von ihm kommt, als Sünde gerechnet, wie denn auch Paulus sagt, alle Sinne des Fleisches und all sein Denken seien Feindschaft wider Gott (Röm. 8,7) und deshalb der Tod!“ (II,1,9)

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