Calvins Sozialethik: Den Glauben ins Leben gezogen

Christian Link, Professor für Systematische Theologie in Bern und Bochum, schreibt über die Sozialethik Calvins:

Was Calvin in seiner Sozialethik tatsächlich gewollt und in Bewegung gebracht hat, erschliesst sich am besten aus seinen grossen sozialkritischen Reihenpredigten zum 5. Buch Mose. Hier wird das Leitwort der Humanität zum Schlüssel, im Gespräch mit den Weisungen des Deuteronomiums die brennenden Fragen der Zeit aktiv anzugehen, etwa das Flüchtlingselend der Epoche, das die Bevölkerung Genfs in wenigen Jahrzehnten um das Doppelte hat wachsen lassen, den Ausbau von Waisenhäusern und Spitälern oder die durch eine verrohende Kriegführung angerichteten gravierenden Flurschäden. Sein besonderes Augenmerk gilt der Kluft zwischen Armen und Reichen. Dass Eigentum verpflichtet, dass Gott nicht willkürlich Güter in die Hand der Reichen legt, sondern ‘zu der Bedingung, dass sie Gelegenheit und Möglichkeit bekommen, ihre bedürftigen Nächsten zu unterstützen’, wird nicht als Akt der Barmherzigkeit, sondern geradezu als einklagbares Recht geltend gemacht. Wie wenig Calvin dieses umstrittene Feld als Privatsache behandelt, es vielmehr in die öffentliche Diskussion hineingezogen hat, belegen die Auseinandersetzungen um Zins und Wucher. Menschlichkeit, damals wie heute gerade auf diesem Gebiet gefordert, lebt aus der Quelle der Solidarität, der Fähigkeit, sich in die materielle Not des anderen (zumal in der eigenen Stadt) hineinzuversetzen. Wer über die Not des Bedürftigen hinwegsieht und ihm in Handel und Gewerbe das menschliche Recht angesessener Bedingungen … veweigert, ‘führt Krieg gegen Gott’. In diesen Predigten verbindet Calvin auf eine derart konsequente wie theologisch durchreflektierte Weise Lehraussagen und Handlungsanweisungen, dass Glaube und Lebensvollzug keine Augenblick auseinanderfallen.

 Christian Link. Prädestination und Erwählung. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 2009. (23)

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1 Kommentar

  1. Hallo Hanniel,
    Ja, interessant… (Würde mich interessieren, wo man Calvins Kommentar zu Deuteronomium günstig kriegen kann).
    Kritisch sind oben die Worte “geradezu einklagbares Recht”. Meinte Calvin wirklich, man könne Barmherzigkeit vor Gericht einklagen? Ich habe da so meine Zweifel. Vielleicht schreibt Link deshalb nur “geradezu” einklagbar? Oder ist das die modernistische Sicht eines heutigen Autors, der gerne haette, dass Calvin für “mehr Sozialstaat” gewesen wäre? Das müsste man noch mal prüfen. Auch im AT gab es die Aufforderungen, den Armen zu helfen, wie ja auch im NT an vielen Stellen. (Matthaeus 25, Jakobusbrief, etc.) Jedoch las ich mal, dass dies ein Gebot war, das dem Einzelnen als vor Gott stehend gegeben war. Also NICHT vom Staat zu institutionalisieren, sondern ein Appell an die private Barmherzigkeit. (Übrigens ist erzwungene Barmherzigkeit keine Barmherzigkeit mehr, sondern – im schlimmsten Fall Diebstahl. Siehe die Griechenlandhilfe heute :-))

    Dass es Konsequenzen in der Ewigkeit hat für Reiche, wenn sie nicht barmherzig sind, ist klar. Aber wollte die Bibel, dass der Staat dies per Gesetz, also per Zwang, einfordert? (Darf der Staat also Person A Geld wegnehmen und es der als bedürftig angenommenen Person B geben? Nicht, wenn man Gary North, E. Calvin Beisner, Roland Baader, Röpke, Walter Eucken und anderen christlichen Nationalökonomen folgt. Abraham Kuyper forderte eine minimale Beteiligung des Staates an der Armenhilfe, aber die Rolle des Staates solle so klein wie möglich sein. Dies würde sich wohl auch mit einer strengen Auslegung des Subsidiaritaetsprinzips der kath. Soziallehre decken.)

    Das Problem ist, wenn Calvin predigte, dann denken wir daran, dass er zugleich Prediger, Staatsmann, Jurist… war. Jedoch sind seine Predigten einfach als Predigten zu sehen, also Aufruf des Einzelnen zur Busse (auch in seiner Verantwortung vor Gott, den Armen gegenüber, und nicht als Gesetzesvorlage.)
    Gleichzeitig war Genf ja in Ansätzen theokratisch – wenn moderne Staatskundler das ablehnen, dann sollten sie konsequenterweise auch die Sozialgesetze ablehnen, denn die sind ja – wenn Calvin sie überhaupt wollte, dann in Genf aus christlichem Impetus entstanden. Dann müsste man mit der Theokratie auch sämtliche Sozialgesetze des Staates ablehnen. Man könnte sie höchstens mit – nicht weniger theokratischen – sozialdemokratischen Sozialgesetzen ersetzen. Also Sozialhilfe, bei der der Staat verherrlicht wird, nicht mehr Gott. (‘bisschen Theokratie is immer…)

    Nun gut, sicher ein weites Feld. Wenn jemand weiß, wo Calvin’s Kommentar zu 5. Mose online steht, (und auf welche Stelle im Kommentar sich der Autor Link bezieht) dann gerne melden :-)

    Danke jedenfalls für die Info (und Deinen sehr guten Blog im allgemeinen!)

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