Wir behandeln die Falschen

Das behauptet Manfred Lütz, Chefarzt eines Fachkrankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapeut und Theologe. In 180 Seiten führt er allgemeinverständlich durch die weiten Gefilde der Psychiatrie und Psychotherapie. Sein Ausgangspunkt:

Wenn man als Psychiater oder Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmässig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen – und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreissende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen. (XIII)

Lütz fragt sich, wie eine Störung zu definieren ist:

Menschen mit einer psychischen Störung machen oft den ganz normalen Wahnsinn unserer Gesellschaft einfach nicht mit. Demgegenüber fällt dann mitunter ihr jeweils höchst individueller Wahnsinn gar nicht mehr so sehr ins Gewicht. Ja, die psychische Störung kann sogar eine besondere Fähigkeit sein. Psychisch kranke Menschen sind, wertfrei beschrieben, zunächst einmal nur aussergewöhnlich. (XVII)

Alle Menschen sind komisch – in einem oder eben mehreren Gebieten:

Oft freilich sind die Schleier einer normierten Gesellschaft so dicht, dass man keine Farben mehr erkennen kann. Dann sind es nur noch die aussergewöhnlichen Menschen, die uns an das erinnern, was eigentlich hinter all den Menschen wirklich steckt. Nicht ‚krank‘ ist also der Gegensatz von ‚normal‘, sondern vielmehr ‚aussergewöhnlich‘. Und von den Aussergewöhnlichen sind einige behandelbar krank und andere dauerhaft hilfsbedürftig behindert, die übrigen Aussergewöhnlichen aber sind die farbigen Grenzgänger unserer Gesellschaften. (180)

Manfred Lütz. Irre! Eine heitere Seelenkunde. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2009.

Ähnliche Beiträge