Masslose Selbstüberschätzung

Der alttestamentliche König Rehabeam hatte einen berühmten Vater – Salomo. Dieser war nicht nur ein Super-Reicher, sondern auch enorm weise. Er dichtete über 1000 Lieder, von ihm stammten 3000 Sprüche. Er realisierte gigantische Bauprojekte und züchtete die schönsten Pferde. Als Regierungschef seines Landes baute er eine effiziente Verwaltung auf und schloss Verträge mit allen umliegenden Staaten ab. Eine besondere Schwäche hatte er offenbar für Frauen. Sein Harem zählte deren 1000.

Jetzt stelle man sich einmal vor, wie ein solcher Sprössling aufgewachsen sein musste. Es war materiell alles vorhanden. Von klein auf wähnte er sich auf der Strasse der Gewinner. Geld war in Fülle vorhanden, die Geschäfte liefen, für Unterhaltung war gesorgt, auf den Tisch kam nur das Beste. In religiöser Hinsicht wuchs er „multikulti“ auf. Der grosse Harem mit verschiedenen Nationalitäten sorgte für Vielfalt an Gott und Göttern. Der grosse Tempel des Jahwe-Gottes stand in Jerusalem, und der Tempeldienst war so pompös wie effizient organisiert. Doch dann gab es noch eine Menge Heiligtümer anderer Götter. Der Vater war eben tolerant.

Mag es am Hof durchgesickert sein, dass einige hohe Beamte dem Vater gegen Ende seines Lebens zusehends Mühe bereiteten? Im üppig eingerichteten Palast mit den vielen Bediensteten mag das wohl kaum zuoberst auf der Traktandenliste gestanden haben. Und dann wurde der Vierzigjährige auf den Thronsessel erhoben – als Nachfolger seines Vaters. Die formalen Voraussetzungen erfüllte er, denn durch seine Adern floss davidisches Blut. In der grossen Wahlversammlung, Vertreter aus allen Stämmen waren angereist, machte sich Rehabeam für den feierlichen Einsetzungsakt bereit. Die Robe ist montiert, das Zeremonial festgelegt. Die Würdenträger des Vaters standen bei ihm, seine Jugendfreunde ebenfalls. Da wird er plötzlich mit der Realität konfrontiert:

Und Jerobeam und die ganze Gemeinde Israel kamen und redeten mit Rehabeam und sprachen: Dein Vater hat unser Joch zu hart gemacht. Mache du nun den harten Dienst und das schwere Joch leichter, das er uns aufgelegt hat, so wollen wir dir untertan sein. (1. Könige 12,3-4)

Rehabeam tut, was jeder Mächtige tut; er sucht sich Rat bei den Beratern. Die ältere Generation rät ihm an, behutsam und wohlwollend mit ihrem Anliegen umzugehen – die Steuerbelastung hatte unter Salomo stark zugenommen. Und was tut Rehabeam?

Aber er kehrte sich nicht an den Rat der Ältesten, den sie ihm gegeben hatten, und hielt einen Rat mit den Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren und vor ihm standen. (V. 8)

Man höre sich seine Antwort an! Von seinem Vater hatte es geheissen, dass er weiser war als alle Söhne des Ostens. Und nun kommt Herr Sohnemann und behauptet: Mein kleiner Finger soll dicker sein als meines Vaters Lenden.

Nun, mein Vater hat auf euch ein schweres Joch gelegt, ich aber will’s euch noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich will euch mit Skorpionen züchtigen. (V. 10-11)

Realitätsverlust? Jugendlicher Übermut? Unsicherheit? Wahrscheinlich eine Mischung von alledem. 10 von 12 Stämmen fallen von ihm ab. Rehabeam versteht immer noch nicht, wie es um seine Königsherrschaft bestellt war. Er schickt seinen obersten Aufseher hin, um die Sache zu regeln:

Als der König Rehabeam den Fronvogt Adoniram hinsandte, warf ihn ganz Israel mit Steinen zu Tode. Aber der König Rehabeam stieg eilends auf einen Wagen und floh nach Jerusalem. (V. 18)

Springen wir in die Gegenwart. Ich muss in meinem Leben nicht lange nach Parallelen suchen. Phasen der Selbstüberschätzung wechseln sich ab mit Momenten gefühlter Bedeutungslosigkeit. Oder wenn ich meine Söhne (als Spiegel von uns Erwachsenen) betrachte: Grossspurig behaupten sie der Lage mächtig zu sein und dies und das zu beherrschen. Und im nächsten Moment stehen sie an.

P. S. Pikant an der Geschichte ist dieser kurze Einwurf: „So hörte der König nicht auf das Volk; denn so war es bestimmt von dem HERRN…“ (V. 15)