Momente im roten und im grünen Bereich – Serie Woche 1

Grün

  • Um 06.00 Uhr wecken wir in 3-Minuten-Abständen unsere Söhne. Die Skianzüge liegen bereit. Sie ziehen sich an, und 20 Minuten später sind wir auf dem Bus für unseren zweitätigen Neujahrsausflug. Wenn wir eine Stunde später gegangen wären, hätte die Situation schon wieder ganz anders ausgesehen.
  • Auf dem Nachhauseweg stürmen wir das Kinderabteil des Zuges. Ich sitze entspannt im überheizten Abteil, schwere Gerüche in der Luft. Meine Jungs können sich auf der Fahrt austoben. Ich beobachte auf der gegenüber liegenden Seite einen (post-)modernen Vater: Top-Frisur und Brille, doch das Hemd ist vom darunter liegenden Bauch gespannt, die Achselhöhlen verschwitzt, der Blick milchig und gelangweilt. So, als ob ihm die Freude bald nach der Geburt seines Erstgeborenen bald vergangen wäre. Ich beobachte eine Mutter, die ihr Söhnchen hingebungsvoll eine Stunde hin und her trägt. Es sieht seeeehr anstrengend aus, das Gesicht entnervt und freudlos. Ich beisse in einen Cracker und atme durch.
  • Ich möchte spazieren gehen, denn Bewegung tut nicht nur mir, sondern auch den Söhnen gut. Allgemeine Missstimmung und Verzögerung der Vorbereitungen. Es gilt einfach darum durchzuhalten, bis wir draussen sind. Meistens geht es unterwegs dann viel besser. Ich geniesse es, mit meiner Familie auszuziehen.
  • Allerliebst: Ich rufe meinem Bald-Zehnmonatigen. Er gluckst begeistert, verzieht sein Gesicht zu einem Grinsen, und kriecht mir entgegen. Manchmal streckt er mir auch sein Händchen entgegen. Das heisst: Ich möchte mit dir spielen.

Rot

  • Nach dem Essen erledigen die drei Älteren ihre Ämtli – mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ich mit meinen kaum nachkomme. Schon liegen sie sich wieder in den Haaren, während ich noch dabei bin, den Geschirrspüler einzuräumen.
  • Wenn ich in Anpannung bin, steigt die Anzahl gesprochener Worte inflationsartig an. Dafür sinkt meine Bereitschaft meinen Worten auch körpersprachlich Geltung zu verleihen, z. B. indem ich aufstehe, entgegen gehe, mich bestimmt hinstelle. Je mehr Worte, desto weniger Gehorsam (die Buben kennen ihren Vater nur zu gut). Bei meiner Frau läuft es umgekehrt: Sie wird wortkarger, die Anweisungen bestimmter.
  • Ich bin mit meinen Söhnen im Hallenbad. Neben dem üblen Wassergeruch nervt mich, dass ich nicht besser crowlen kann; dass mein Zweiter noch nicht besser schwimmen kann; dass es kein Sprudelbad gibt. Doch dann halte ich kurze Zeit inne: Ich blicke aus den Fenstern in das wunderbare Bergpanorama und schimpfe leise mit mir – so ein undankbarer Kerl.
  • Papi, wo ist Mami? (Mein Vierter mit lauter Stimme.) – Sie ist bereits vorausgegangen in die Migros. – Wo ist sie? – In der Migros. – Wooo? – Ich habe es dir schon gesagt. – Jetzt will ich wissen, wo sie ist. – Mein Sohn, wir sind gleich dort. – Ist sie dort? – Nein. – Da? – Nein. – Wo ist sie? – Seufz. // Nach diesem Dialog wird mir klar, dass es nicht um die Information alleine geht. Er wollte nicht verständig sein, weil ihn der Ist-Zustand nicht befriedigte. Eigentlich wäre er lieber mit Mami einkaufen gegangen.
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