Schuldenkrise ohne Schuldige?

factum hat in seiner letzten Ausgabe 9/2011 einen Artikel des emeritierten Volkswirtschaftsprofessors Lachmann abgedruckt. Er zeigt auf, wie die Finanzmärkte auf dem Charakter von Menschen gründen. Lesenswert!

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, die Chinesische Mauer zu sehen und auf diesem imposanten Bauwerk längere Zeit entlangzuwandern. Sie war zur Zeit ihrer Entstehung 6260 km lang, zwischen 5 und 8 Meter breit, 8 bis 16 Meter hoch. Das Bauwerk zieht sich, militärtechnisch geschickt angeordnet, von Hügel zu Hügel nördlich Pekings und war nach menschlichem Ermessen in der damaligen Zeit unüberwindbar. Die Mauer war zu lang, um herumzureiten oder vorbeizumarschieren, sie war zu breit, um sie zu zerschiessen, sie war zu hoch, um sie zu überklettern. Dennoch wurde China in den ersten hundert Jahren nach dem Bau der Mauer drei Mal von Feinden überfallen. Es lag nicht an der Qualität der Mauer. Die Feinde hatten den einfacheren Weg gewählt: Sie hatten die Torwächter bestochen!

Dieses Beispiel weist auf die Wichtigkeit der Moral in unserer Gesellschaft hin. Jede Nation ist nur so stark, wie der Charakter ihrer Bürger es erlaubt. Auch die gegenwärtige Schuldenkrise verweist mit allem Nachdruck auf diesen grundlegenden Sachverhalt. Die Überlebensfähigkeit von Gesellschaft, Staat, Finanzmärkten und der Wirtschaft hängt nicht nur vom Bruttosozialprodukt, von der Waffentechnik oder den marktwirtschaftlichen Wettbewerbsregeln ab, sondern auch vom Grad der vorhandenen Moral. Die Wohlfahrt eines Landes und das Funktionieren der Finanzmärkte sind auf den Charakter der Menschen gegründet. Es braucht Menschen in Politik und Wirtschaft, die verantwortlich handeln. Und es muss klar sein, dass sie sich für ihr Handeln auch verantworten müssen. An beidem mangelt es, beides hat ursächlich mit der heutigen Krise zu tun.

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