Interview: Ich konsumiere, also bin ich glücklich? (Teil 1)

In den vergangenen zwei Jahren habe ich intensiv über das Thema „Familie und Konsum“ nachgedacht. In Form eines Interviews ziehe ich ein Fazit.

Was hat dich angeregt, über dieses Thema nachzudenken?

Auslöser für die ausführliche Beschäftigung war mein Professor, der meine Masterarbeit in Theologie betreute. Er schickte mir die erste Fassung mit dem Gesamtkommentar zurück, dass sie eine Menge guter Hinweise enthalte, die jedoch eher Bestandteil des Anhangs wären. Ich solle diese Erläuterungen doch separat aufgreifen und ein kleines Buch daraus machen. Das habe ich dann umgesetzt.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, als wir als Familie von einem Sonntagsausflug zurück kehrten. Gegen Abend hatten wir uns in das Getümmel eines Grossanlasses gewagt. Nach einer guten Stunde “Sehen und staunen” fuhren wir im überfüllten Tram heimwärts. Neben mir sass ein Junge mit einem Motorrad aus Plastik. Strahlend betätigt er im Drei-Sekundentakt die Taste: Es blinkt und tutet. Der Vater (der ihm das Ding eben gekauft hatte) seufzte. Ich dachte: Wie lange wird die Batterie halten? Wo wird das Ding am nächsten Tag liegen?

Ich begann, meine Überlegungen zum Thema Elternschaft mit dem Thema „Konsum“ zu verknüpfen. Ich schickte eine Skizze über eine mögliche Abhandlung meinem Professor, der mich ermutigte, mit dem Schreiben anzufangen.

Ist es nicht schwierig über ein Thema zu schreiben, in dem Mann selbst drin steckt?

Doch, das ist es; es hat jedoch auch Vorteile: Ich schreibe nicht mit der analytischen Distanz eines Beobachters, sondern mit der suchenden Nähe eines Betroffenen. Die Auseinandersetzung bekommt so eine existenzielle Ausrichtung.

Was meinst du mit „existenziell“?

Seit einigen Jahren bin ich geforderter Vater von fünf Söhnen. Mit einem Seufzen gestehe ich: Die Fülle der Angebote überwältigt mich. Angefangen bei den Spielsachen, weiter gegangen zur Vielfalt an Lebensmitteln, ebenso an Freizeitprogrammen und – last but not least – an medialen Konserven. Bei uns zu Hause gibt es Bücher, Kinderkassetten, CD’s, Lernprogramme und Videos.

Ich bin platt vor der schieren Unendlichkeit der Möglichkeiten, dauernd beschäftigt mit einer sinnvollen Auswahl, ge- und oft überfordert mit der Abstimmung von hehren Werten, konkreten Erziehungszielen und einem stets gefüllten Terminkalender. Darum: Das Thema geht mir an die Substanz, oder anders ausgedrückt: Es geht um meine Existenz.

Dann hast du eine spezielle Site eingerichtet und über das Thema gebloggt.

Ich dachte mir: Das Setting eines tagebuchartigen Blogs wird mir die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtern. Entlang meines Leitfadens sind so über 150 Beiträge entstanden.

In einem ersten Teil  beschäftigte ich mich intensiv mit unseren Denkgrundlagen. Dazu gehören zuerst die beiden Grundfragen: Weshalb wollen wir überhaupt eine Familie gründen? Und: Welche Bilder des Kindes prägen uns? Dann analysierte ich das Konsumverhalten innerhalb unserer Familien anhand der Diagnosen von sieben Denkern. Verlasse nie den Ort einer Erkenntnis ohne eine konkrete Tat. Deshalb beschäftigte ich mich im dritten Teil mit (selbst angewendeten) Ansätzen, die mein Familienleben entschlacken und stärken.

Wie würdest du die Lage heutiger Eltern in der Schweiz beschreiben?

Ich kann es nicht besser beschreiben als der Kinderpsychiater Wolfgang Bergmann. Er schreibt zur westeuropäischen Kleinfamilie:

Es sind zwei hoch individualisierte – jedoch in ihrer Individualisierung instabile, anfällige – Ichs, die da als Partner zusammenfinden, nur sich selber und ihre Bedürftigkeiten. Kein übergeordneter Rahmen der Tradition, kein verinnerlichtes Familienethos und kaum eine soziale Kontrolle stabilisiert ihre Beziehung. Wenig oder nichts ist von dem geblieben, was für frühere Generationen zwar enge normative, aber in Konflikten eben auch stabilisierende Bezüge einbrachte.

Die moderne Familie ist ein Arrangement zur wechselseitigen Befriedigung von Bedürfnissen, die einen prinzipiell egozentrierten Charakter haben. Wird mein Partner meiner Ich-Bedürftigkeit nicht gerecht, dann gibt es eigentlich gar keinen Grund, mit ihm zusammen zu bleiben. Frauen beschwören gern ihr “Bauch-Gefühl” und betreiben eine Trennung aktiver, Männer verharren eher in einer mürrischen Trägheit oder entfernen sich innerlich aus der Familie, ohne sie formal ganz zu verlassen. Freiheit, Weite und unaufhörliche Intensität fordert der ich-bezogene Anteil des modernen Charakters. Zugleich verlangt es ihn nach Heimat und Treue, einen verlässlichen Ort, indem man auch Schwäche zeigen darf. Beides sucht er in einer Familie – eine extrem zugespitzte, emotional dichte und fragile Konstruktion.

Diese Anfälligkeit ist modernen jungen Ehepartnern auch gegenwärtig, bewusst oder beinahe bewusst. Die Folge: Familie darf keine Sekunde in Frage gestellt werden, bei jedem Konflikt hat ja der Bestand von Ehe und Familie insgesamt auf dem Spiel. Also wird, wie ein Schutzwall, aus der Bedürfnisgemeinschaft zugleich eine Harmoniegemeinschaft. Das auf seine jeweiligen Gefühlzustände ungehemmt und zugleich hochempfindsam reagierende Ich erträgt Konflikte schlecht. Harmonie um fast jeden Preis – so lautet die Bewältigungsformel, auf die sich viele Familien insgeheim verständigen. Aber fortwährende Harmonie gibt es nicht. Die moderne Kleinfamilie ist ein seelisch explosiver Ort.  (Aus: Wolfgang Bergmann. Computersüchtig. Beltz: Weinheim und Basel 2009.)

Bringe diese Aussagen noch auf eine konkretere Ebene.

Ja, vielleicht ist das noch besser. Ich beschränke mich auf zwei Symptome: Viel Material und eine hohe künstliche Erlebnisdichte.

  • (Zu) viel Material: Wenn ich heute auf die Online-Marktplätze gehe und nach Material suche, so werde ich beinahe erdrückt vom Angebot. So erstanden wir online 14,2 kg Lego für 150 Franken. Wohl gemerkt: Fast alles Spezialteile, von der Marsstation über Star Wars-Krieger bis zum Tieflader war alles dabei – in Einzelteilen. Der etwas zwölfjährige Junge wollte unbedingt ein neues Bike kaufen und brauchte Bares. Ich kann mich nicht erinnern, als Kind jemals so viel Lego auf einem Haufen gesehen zu haben.
  • (Zu) hohe Erlebnisdichte: Ein durchschnittliches Schweizer Kind sieht rund zwei Stunden täglich fern. Diese Werte sind im europäischen und amerikanischen Vergleich noch heilig. Dazu kommt (je länger je mehr) der Aufenthalt in virtuellen Räumen hinzu: Spielen, Chaträumen etc. Letzthin las ich die Meldung, dass in den Staaten bereits Zwei- bis Vierjährige regelmässigen Zugang zu einem Handy haben. Diese Flut an Signalen verändert doch den inneren Bezugsrahmen eines Kindes.

Was kommt im Gegenzug zu kurz?

Die Beziehungen leiden darunter: Die Beziehungen von Eltern zu Kindern und der Kinder untereinander. Bei einem Teil der Kinder kommt akuter Bewegungsmangel dazu. Wenn ich in meine Umgebung blicke stelle ich fest: Es bleibt

  • zu wenig Zeit für die Ehe: Die Ehepartner geben einander die Türklinken in die Hand. Beide arbeiten, betreuen Kinder, pflegen ihren Freundeskreis, machen Weiterbildungen. Wie eine Beziehung so längerfristig überlebensfähig bleibt, ist mir ein Rätsel.
  • zu wenig Energie für Kontakte: Die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule und in den Kindertagesstätten. Die Eltern arbeiten, lunchen und bilden sich weiter. Wo bleibt denn da noch die Zeit für gemeinsame Familienzeiten, Besuche, ungezwungene Sparziergänge?

Als Personalentwickler kommt mir dazu immer das „Eisenhower’sche Viereck“ in den Sinn. Da gibt es den linken oberen Quadranten „wichtig“ und „nicht dringend“. Langfristige Beziehungsarbeit gehört genau in diese Kategorie.

In welche Kategorie sortierst du denn die Fernseh-, Computer- und Handyzeiten ein?

(lacht) Wahrscheinlich in die Kategorie „dringend“ und „nicht wichtig“.

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