Muss alles Spass machen?

Auf Rons Blog hat ein Leser einen längeren Beitrag über den „Lehrling“ von heute verfasst. Ich las ihn meiner Frau vor. Trotz oder gerade wegen seiner Schärfen finde ich ihn bedenkenswert:

Der Lehrling (sic) von heute will Spass. Arbeit ist Muss; “Spass” will dazu “Ausgleich” sein. Wenden wir uns nun dem Begriff zu: “Spass”.

Spass = angenehm unterhalten, erheitern, belustigen, vergnügen (Duden). DAS will der Lehrling von heute. Der Chef befiehlt im etwas, doch das nimmt ihm der Lehrling von heute krumm, denn das macht keinen “Spass”.
Spass ist von echter Freude genauso weit entfernt wie sein böser Nachbar, der Spott. JA: Wenn eine Arbeit auf Dauer keine Freude macht, dann ist das schlimm. Aber das hat mit Spass nicht das Allergeringste zu tun.

Der Lehrling von heute will die ihm übertragenen Aufgaben nicht nur nicht ausführen, erkann es auch gar nicht, und das versteht der Geselle und der Chef nicht mehr, da beide einer anderen Zeit entstammen. Sie kennen zwar die Guck-Guck- u. Videospielwelt, aber sie entstammen ihr nicht. Der Lehrling von heute entstammt der Guck-Guck (Fernsehen über alles, vor allem über 3-4 Stunden pro Tag), Videospiel-, Fortgeh-und-Amüsier- u. Facebookwelt. Das mentale Milieu dieser Bereiche ist der “Spass”, die “Unterhaltung” (man wird buchstäblich “unten gehalten”, so dass man das Wichtige nicht mehr wahr-nimmt).
Der Chef rügt den Lehrling, nachdem dieser sich nicht konzentriert, die ihm übertragenen Aufgaben wiederholt versäumt und verstohlen ständig auf sein Smartphone blickt, um gegebenenfalls “Gefällt mir”-Benachrichtigungen mit seinen hochstehenden geistigen Ergüssen zu kommentieren. Denn das macht “Spass”. Darauf reagiert der Lehrling düpiert: “Was hat er [der Chef] denn heute bloß? Was hat der gegen mich?”
Dies ist ganz wichtig, zu verstehen: Der Lehrling erkennt nicht, dass eine Rüge sich gegen sein Handeln richtet, nicht gegen seine Person. Er wünscht sich eine durch und durch postmoderne „Toleranz“: Nicht Werk, sondern Person muss toleriert werden. (Zum Thema postmoderne Toleranz hier: http://www.youtube.com/watch?v=9PVJlnvVeSM). Jegliche Kritik versteht er als Kritik an seiner Person, nicht an seinem Handeln. Er kann nicht sehen, dass sein furchtbar unreifes Betragen der nichtwiedergutzumachende Schaden absenter Erziehung ist; er meint, dies gehöre zu seinem Selbst, seinem Wesenskern. Er sieht sich daher in seiner Person angegriffen, nicht in seinem Handeln. Kurz: Er versteht die Kritik an ihm nicht. Das ist es, was der Chef und der Geselle nicht verstehen können: Der Lehrling kann nicht anders; er versteht’s nicht! Das Leben ist ein Hit (Ö3), es ist “Party”, muss tout a prix “Spass” machen! Ora et labora? Häää?
„Disziplin, Gehorsam und Geduld sucht man vergebens.“ Selbstverständlich sucht man diese Dinge vergebens, denn wer in der Wüste nach Wassermelonen sucht, wird gewöhnlich nicht fündig.
Der Lehrling von heute ist ein zerstörter Mensch. Er sucht einzig das Vergnügen. Alles muss instantan sein, das Vergnügen, der Spass, der Sex – einfach restlos alles. Und Arbeit ist von ihrem Wesen her dazu angelegt, auf lange Sicht etwas a u f z u b a u e n – aber das ist dem Wesen des Lehrlings von heute so fremd, wie einem Verhungernden in Ruanda unverständlich bleiben muss, dass in Deutschland Menschen Unsummen ausgeben, um endlich von ihrem Gewicht herunterzukommen.
Der Lehrling von heute bildet die Grundlage des Menschen von morgen, der das Kanonenfutter einer total vergesellschafteten Stammeskultur sein wird. Als auf Triebreize bloß reagierender Humantriebkörper mit eingebauter Fortpflanzungsfunktionalität „produziert“ er den Menschen von morgen, einen Menschen, der absolut keine Autorität mehr über sich anerkennt, auch keine Ethik. Dieser Mensch wird anhand behavioristischer Psychologie wahrscheinlich beinahe zu 100% beschrieben werden können. Wem das extrem vorkommt, dem empfehle ich dringend Max Picards „Hitler in uns selbst“. Vielleicht werden die Menschen dann wissen, was vom „Peter Singer in uns“ übrig bleibt.
„Spass“ istin seinem Wesen Faulheit, da besteht durchaus keine Verwechslung. Die größte Arbeitslosigkeit findet nämlich zwischen den Ohren statt, und das, was dort ablaufen sollte, muss und will unterhalten [=unterdrückt] werden. Arbeit aber stört diesen Vorgang. Der Lehrling von heute will in jeder Sache Unverbindlichkeit. Unverbindlichkeit über alles – das könnte der Wahlspruch der Spassgesellschaft sein.
Der Lehrling von heute kann auch nicht sprechen/lesen/schreiben. Das macht aber nichts, denn seine „Freunde“ auf Facebook können es auch nicht – und müssen es auch nicht. Die Lehrlinge von heute rotten sich in Gasthäusern zum Saufen zusammen. Das wird planmäßig betrieben, ist die systematische Zerstörung jeglichen Geistesleben. Man lese einmal „Dichtung und Wahrheit“ von Goethe: Wie die Menschen mit siebzehn Jahren damals (vor nur ca. 200 Jahren) miteinander umgegangen sind, wie und worüber sie miteinander gesprochen haben – und dann das, was als kaum noch artikulierte Laute aus den Mündern unserer Jugend kommt: „Uaaa, hey Alter, Spasti, Wi*er, G*ngB*ng, f*** hehe“ usf. – ein Sammelsurium an Solözismen und Barbarismen, an onomatomanischen Verbalexkrementen.
„Soziale Kompetenz“ heißt heute: Wissen, wie man sich in Facebook (soziales [!!!] Netzwerk) in Szene setzt. Aber das ist nicht mehr aufzuhalten; glücklicherweise gibt es immer weniger Lehrstellen … Es wären auch Leerstellen viel besser geeignet für den Leerling von heute.