Jede Weltanschauung wird zuerst von ihrem Verhältnis zu Gott bestimmt

Ich habe mit erneut mit der ersten Vorlesung von Abraham Kuypers „Lectures on Calvinism“ (1898) beschäftigt. Darin entwickelt der Theologe, Staatsmann und Universitätengründer eine christliche Welt- und Lebensanschauung. Sie gründen auf „drei prinzipiellen Verhältnisse alles menschlichen Lebens“:

  • unserem Verhältnis zu Gott
  • unserem Verhältnis zum Menschen  und
  • unserem Verhältnis zur Welt

Zum Verhältnis zu Gott schreibt er:

Voran steht also die Forderung, dass solch eine Bestrebung ihren Ausgangspunkt in einer bestimmten Auffassung unseres Verhältnisses zu Gott finde. Das ist nicht zufällig, das muss so, kann nicht anders sein. Soll wirklich solch eine Bestrebung auf unser ganzes Leben ihren Stempel drücken, dann muss sie von dem Punkt unseres Bewusstseins ausgehen, wo unser Leben noch ungeteilt geblieben ist und noch in seiner Einheit zusammengefasst liegt, nicht von seinen ausgebreiteten Zweigen, sondern von der Wurzel, aus der alle Äste und Zweige aufschossen. Und dieser Punkt nun kann nirgends anders liegen als in dem Gegensatz alles Endlichen in unserem menschlichen Leben zu dem  Unendlichen, was dahinter liegt. Da allein ist der gemeinschaftliche Born, von wo aus die verschiedenen Ströme unseres menschlichen Lebens hervorgehen und sich verteilen. Persönlich erfahren wir denn auch andauernd, wie in dem Tiefsten unseres Gemütes, an dem Punkt, wo dies Gemüt sich vor dem Ewigen erschliesst, alle Strahlen unseres Lebens wie in einem Brennpunkt zusammenfallen und allein da die Harmonie wieder gewinnen, die sie im Leben so oft und so schmerzlich verlieren. Im Gebet liegt nicht nur unsere Einheit mit Gott sondern auch die Einheit unseres persönlichen Lebens.

Und was ist mit anderen Weltanschauungen, die diesen Fokus nicht haben?

Bewegungen in der Geschichte, die nicht aus diesem tiefsten Born stossen, sind denn auch immer partiell und vorübergehend, und allein die historischen Aktionen, die aus dieser tiefsten Tiefe in des Menschen persönlichem Bestand hervorgingen, umfassten das ganze Leben und besassen Dauer.

Kuyper nennt drei Bewegungen: Paganismus (Heidentum), Islamismus und Romanismus (Katholische Kirche):

  1. Der Paganismus sei daran erkennbar, „dass es Gott in der Kreatur sucht, vermutet und abbildet. Dies gilt von dem tiefstehenden Aninismus so gut wie von dem höchststehenden Buddhismus. Zu der Selbständigkeit eines Gottes ausser und über der Kreatur steigt der Paganismus nicht auf. Jedoch auch in dieser gebrechlichen Form hat er als Ausgangspunkt eine bestimmte Auffassung des Verhältnisses, und dem das Unendliche zu dem Endlichen steht, und dieser verdankt er seine bildende Kraft für das menschliche Zusammenleben.“
  2. Der Islam isoliert Gott von der Natur, um alle Vermengung mit der Kreatur abzuschneiden.
  3. Der Romanismus vertritt den Grundgedanken, „dass Gott mit der Kreatur in Gemeinschaft tritt vermittels eines mystischen Zwischengliedes, und dies Zwischenglied ist die Kirche, nicht als mystischer Organismus gedacht, sondern als sichtbares haftbares, wahrnehmbares Institut. Die Kirche steht hier zwischen Gott und der Welt…“