Jede Weltanschauung muss das Verhältnis von Mensch zu Mensch klären

Abraham Kuyper spricht von der zweiten Grundauffassung, die jede Weltanschauung klären muss: Welches Grundverhältnis besteht von Mensch zu Mensch? (Zur ersten geht es hier.)

(Verläuft) unser ganzes menschliche Leben unmittelbar vor Gott, dann folgt hieraus, dass alle, ob Mann oder Frau, ob arm oder reich, ob schwach oder stark, ob tatenvoll oder tatenlos, als Gottes Geschöpfe und als verlorene Sünder, nichts, schlechterdings nichts einander gegenüber zu beanspruchen haben, dass wir vor Gott und so auch unter einander als Mensch und Volk gleich stehen, und dass kein anderer Unterschied zwischen Menschen bestehen darf, als insofern Gott dem einen Ansehen über den andern verliehen hat oder auch dem einen mehr Gaben schenkte, damit er den andern, und in den andern seinem Gott, mehr diene. …

Wenn jemand hierarchisch höher gestellt ist, dann darum,

dass er dies Mehr nicht für sich und seine eigene Grösse rauben, sondern es für Gott in seiner Welt verwenden will. Darum musste der Calvinismus konsequent in der demokratischen Auffassung des Lebens Ausdruck finden, musste die Freiheit der Völker proklamiert und konnte nicht ruhen, ehe von Obrigkeitswegen und im gesellschaftlichen Leben jeder, der Mensch war, nur weil er Mensch war, d.h. Als Geschöpf, nach dem Bilde Gottes erschaffen, geehrt, gezählt und gerechnet wurde. …

Es war nicht der Niedergestellte, der den Höherstehenden herunterzog, um sich selbst nach oben zu drängen; nein, es war ein gemeinsames Niederknien aller auf dem Fussschemel des Heiligen Israels…

Abraham Kuyper, Vorlesungen über den Calvinismus (1898), 1. Vorlesung

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