Eine pralle Ladung (7): Wie Paulus vor und nach seiner Bekehrung das Alte Testament las (Gal 3)

Fast hätte ich einen Vortrag unterschlagen! Beim Nachzählen entdeckte ich, dass ich eine kraftvolle Botschaft zu Galater 3 von D. A. Carson noch nicht aufs Netz gestellt habe. Der Vortrag hat mich insbesondere darum fasziniert, weil sie unser Lesen des Alten Testamentes korrigiert und bereichert. 

Die Frage: Wie las Paulus das Alte Testament? Oder mehr zugespitzt: Was ist der Unterschied zwischen dem Lesen vor und nach seiner Bekehrung? Was ist der Unterschied in seiner Hermeneutik?

Wenn du im 1. Jahrhundert einen konservativen Juden gefragt hättest: Wie kannst du Gott wohlgefallen? Ich kann Gott wohlgefallen, indem ich dem Gesetz gehorche. Und wie hat Jesaja Gott wohlgefallen? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Und König David? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Mose? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Abraham? Dito. Moment, das Gesetz war Abraham gar noch nicht gegeben. Genesis bezeugt, dass Abraham alle Richtlinien von Mose gehorchte. Er musste eine Privatoffenbarung der Torah bekommen haben. Und wie war es mit Henoch? Indem er dem Gesetz gehorcht hat. Der Text bezeugt: Er wandelte mit Gott. Auch er empfing eine Privatoffenbarung. So las Paulus wohl das Alte Testament als Pharisäer. Das Gesetz hatte also einen Stellenwert bekommen, der die ganze Hermeneutik gesteuert hat.

 In Galater 3 und 4 werden die Erzählungen des AT betont. In Abraham sollten alle Völker gesegnet werden (V. 8). Er wurde gerechtfertigt durch Glauben, bevor das Gesetz gegeben worden war. Und was geschah, als dann das Gesetz gegeben wurde? Die Zeitabfolge wird betont. Der zuvor geschlossene Bund wurde nicht aufgehoben (V. 17). Paulus weigert sich also, das Gesetz zum ausschlaggebenden Punkt seiner Hermeneutik zu machen. Bevor er Christ geworden war, las er die Erzählungen des AT “abgeflacht” vom Gedanken des Gesetzes ausgehend. Jetzt sagt er: Nur dann kann das AT recht verstanden werden, wenn wir die Zeitabfolge bedenken. Das Gesetz kann nicht die zuvor gegebenen Verheissungen rückgängig machen.

Warum ist das Gesetz denn überhaupt gegeben worden? Was für ein hermeneutischer Wechsel! Das Gesetz ist um der Sünde willen hinzugekommen. Das Gesetz ist nicht nur gegeben, um die Sünde einzudämmen, sondern auch um aus der Sünde Übertretung zu machen. Jetzt gibt es viele Gebote, die gebrochen werden können. Die Auswirkung: Sünde wird noch sündiger. Das machte das Gesetz zu einer Art Zuchtmeister (V. 23+24).

Viele Christen haben diesen Text individualistisch ausgelegt, z. B. die Puritaner, John Wesley: Zuerst die allgemeine Liebe Gottes predigen, dann das Gesetz und den Fluch durch den Gesetzesbruch, dann noch mehr Gesetz. Wenn genug Zuhörer das Gewicht ihrer Sünde verspüren, dann predigst du noch mehr das Gesetz. Mixe dann ein wenig Gnade mit rein. Wenn die ganze Zuhörerschaft betrübt ist und fragt, was sie tun sollen. Dann predige Gnade und die reiche Vergebung. Sehr schnell mische ich dann wieder etwas Gesetz zu. Der Grund? Das Gesetz wird gegeben, um zu Christus hinzuführen. Bevor sie gereinigt werden, müssen sie ihren Schmutz sehen.

Das Gesetz hat eine vorbereitende Funktion für die Gnade. Aber der Fokus ist nicht auf einer individuellen Psychologie, wie ein Mensch zum Glauben kommt. Es ist Gottes Absicht in der Heilsgeschichte. Wichtiges hermeneutisches Prinzip: Du musst der biblischen Erzähllinie folgen. Paulus geht ähnlich vor in Römer 4. Abraham wird durch den Glauben gerechtfertigt, bevor er beschnitten wurde. Die Auswirkung davon ist, dass der Gedanke der Beschneidung etwas zurückgestellt wird. Auch hier beruht die Argumentation auf dem geschichtlichen Ablauf. So geschieht es auch im Hebräer. In Hebräer 8 zitiert der Verfasser Jer 31. 600 Jahre vor Christus wird der neue Bund angekündigt. Was alt ist, erübrigt sich und fällt weg. Es gibt durch das Alte Testament den Faden hin zum kommenden David. Gleicherweise gibt es den Faden eines kommenden neuen Bundes. Es gibt eine Erwartung, wo alles hinführen muss.

Mit der individualistischen Auslegung gibt Gal 3 gleich eine Anwendung für uns. Was solltest du als Christ schlussfolgern? Du fragst dich: Na und? Zweifellos hätte Gott sofort von Abraham zu Jesus kommen können. Warum dann noch Mose und der Rest des AT? Was hat das Gesetz beigetragen, was wir brauchen? Viele Dinge. Zum einen das System von Opfer für Sühnung; was es kostet, in die Gegenwart des transzendenten heiligen Gottes zu kommen; wie wir einen Mittler brauchen; Unterscheidungen zwischen heilig und nicht heilig; Einrichtungen, in denen das Kommen Jesu vorgebildet werden (Tempel; Passah); was wir tun und nicht tun sollen, Segen und Flüche. Aber nicht mal Mose konnte in das Land eingehen. Sie bekommen später einen König, aber es entpuppte sich nicht als etwas Gutes. David war viel versprechender – bis zu seiner Affäre. Nach wenigen Jahrhunderten ist das Nordreich im Exil, doch würde Gott auch den Tempel zerstören? Doch Gott liess die ganze Stadt zerstören. Die davidische Linie wird ins Exil katapultiert. Esra und Nehmia sind wunderbare Bibellehrer und Reformatoren – und einige Jahre später? Die Männer schlafen mit ausländischen Frauen, und der Tempel ist verunreinigt. Das Gesetz hat also ausgiebig unsere Sünde und Hilflosigkeit gezeigt. Zweifellos ist das Gesetz gut, aber ich bin es nicht. Je mehr wir auf das Gesetz vertrauen, desto mehr Zerstörung und Hoffnungslosigkeit gibt es. Dies ist das Bild des Alten Testamentes, das Paulus im Zeitablauf las. Er konnte das Gesetz nicht mehr zum hermeneutischen Anker machen.

Paulus zeigt auf, dass Gott in seiner Güte 1500 Jahre gegeben, um den Menschen die Sündhaftigkeit aufzuzeigen. Ohne diese Einsicht ist es unmöglich das Evangelium zu verstehen. Wir müssen den Leuten zeigen, dass Paulus nachvollziehbar und treu das AT gelesen hat. Wir müssen sehen, wie schlimm die Sünde ist. Heute wird das Evangelium so dargestellt. Bist du frustriert, unglücklich, alleine, hoffnungslos? Weißt du, dass Gott das Leben in Überfluss hat? Wenn du dies willst, dann komm zu Jesus. In einer Hinsicht ist es furchtbar falsch. Natürlich: Besserer Sex, Arbeit, Familie, Rentenplan mit einer Vorsehung, die mich bewahrt vor Schwachem. Wir alle wollen geistlich sein, nicht nur rational. Ich hätte gerne dieses überfliessende Leben. Aber spricht Johannes 10 wirklich davon? Das führt Menschen zu einer falschen Idee von Errettung. Kein Wunder, dass Menschen sich auf dieser Basis entscheiden nicht dabei zu bleiben. Der Zorn Gottes wird 600mal im AT erwähnt. Das soll heissen: Der rettende Gott ist zugleich der, der mit seinem Zorn uns gegenübersteht. Diese beiden kommen im Kreuz zusammen.

Einer der grössten Nöte in unseren Gemeinden: Wie werden wir das Gesetz predigen? Wir müssen anfangen zu begreifen, wie Gott über Sünde und Ungehorsam denkt – über Götzendienst, Schmutz, Verleugnung. Wie viele Menschen die heute zu Christus kommen, sind der Überzeugung, dass sie die Hölle verdienen? Paulus erklärt: Gott ist derjenige, der die Gottlosen rechtfertigt. Manchmal kommen Menschen aus den verrücktesten Gründen zu Jesus. Gott hat uns nicht nur die Verheissung Abrahams gegeben, sondern auch das Gesetz. Wir müssen aufzeigen, wie furchtbar die Sünde ist, damit sie die Grösse der Gnade Gottes erkennen.

Ein weiteres Beispiel: Galater 4,21-31. Beim Lesen kommt uns dieser Abschnitt sehr gekünstelt vor. Was hat Hagar mit dem Berg Sinai zu tun? Und dann der Gebrauch des Wortes “Allegorie” in V. 23. Interpretiert Paulus das AT allegorisch? Bedenke, dass das Verständnis von Allegorie im 1. Jahrhundert von unserem Verständnis abweicht. Damals meinten sie: Etwas auf eine andere Weise ausdrücken. Heute hat das Wort eine bestimmte Bedeutung: In den Text einen aussertextlichen Rahmen importieren. Beispiel von Philo: Abraham, Isaak und Jakob repräsentieren die drei Prinzipien der griechischen Bildung. Paulus besteht darauf, dass seine Auslegung wirklich textbezogen ist. Er sagt: Schaut euch die Paare im AT an, Sara und Hagar, Isaak und Israel, Sinai und Jerusalem, mosaischer und neuer Bund. Jedes Mal weist ein Teil der Verheissung, und der andere Teil auf den des Gehorsams und Ungehorsams. Paulus schaut jetzt nicht auf Beweistexte, sondern schaut die Reihenfolge an. Lerne das AT so zu lesen wie die ersten Christen des NT.

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