Schlüsselerlebnisse mit Kindern (21): In den Hallen des Glücks

Selten, ganz selten tun wir es uns an. Wir gehen (zu Fuss) zu einem grossen Einkaufszentrum. Wer nicht – wie geplant – mit dem eigenen PW anreist, schmeckt und sieht schon in der weiteren Umgebung den Muff der Anonymität: Abfälle, Zigarettenkippen, Scherben. Zwischen den einbetonierten Steinen schiesst hier und dort Unkraut hoch. Das Parkfeld ist gross und schon am früheren Samstagmorgen gefüllt.

Ich bemerke: Rauchende junge Erwachsene, schwarz gekleidet, stark geschminkt. Es sind wohl Verkäufer(innen), die es den ganzen Tag im Kunstlicht aushalten müssen. Im Stunden- und Zweistundentakt gehen sie an die „frische“ Luft, um sich Nikotin in den Körper zu jagen. Apathisch wirkende ältere Leute, die erstarrt auf einer verdreckten Bank sitzen, in der Hand die Hundeleine, vor sich ein kleines Hündchen, den „Blick“ in der Hosentasche. Ein Abwart fährt mit einem kleinen Fahrzeug mit gelbem Blinklicht vor, um die Einkaufswagen wieder an den Eingang zu stellen. In den zwanzig Minuten Beobachtungszeit zieht er drei Runden.

Die weitläufigen Gebäude sind in blau gehalten. Von den Plakaten lacht dir die glückliche Kleinfamilie entgegen; ein vitaler Vater, eine sympathisch lächelnde Mutter, ein älterer Bub und ein jüngeres Mädchen mit Zahnlücke. Sie stehen nicht im Eingangsbereich der grossen Kaufhäuser, sondern am Strand. Unter dem Bild steht das Zauberwort aller Einkaufszentren: „Spass.“ Schon vor dem Eintritt ist mir eben dieser gründlich vergangen.

 Alle Geschäfte sind hell beleuchtet. Von jedem Eingang weht mir ein anderer Duft entgegen. Wir beschränken uns auf die Spielwarenabteilung. Es gibt eine grosse Ecke mit reduzierten Preisen. Nun dürfen sich die Jungs richtig gelüsten lassen. Sie schleppen Modellautos an. Wir bestaunen die grosse Kollektion der Schleich-Tiere. Dann geht es weiter zu den Playmobilpackungen. Mein Ältester kommt von der Carrera-Bahn nicht mehr los. Endlich gelingt es mir ihn davon zu überzeugen, dass unsere Bahn älter nicht und kompatibel sei mit den Ersatzteilen, die er erstehen will.

Als wir eine Stunde später das Kaufhaus wieder verlassen, schleppen wir mit: Grosse und kleine Playmobilpackung, vier Pijamas, Fensterfarben und einige andere kleine Gegenstände. Meiner Frau bleibt noch wenig Zeit, um einige Lebensmittel einzukaufen, bevor der Bus fährt. Meine beiden Ältesten haben sich schon wieder beruhigt, dass sie nichts gekauft haben („ich muss jetzt doch etwas kaufen“ – der übliche Kaufzwang). Wir sitzen wieder auf der Bank und beobachten die Menschen. „Vielleicht hätte ich mir doch besser einen Turnierritter gekauft.“ Mein Ältester blättert im Schleich-Katalog. An uns gehen einige orientalisch gekleidete Frauen vorbei, mit halb gefüllten Einkaufstaschen.

Wir fahren nach Hause und denken: Eigentlich hätten wir nur die Lebensmittel gebraucht. Ein schaler Nachgeschmack bleibt zurück. Meinem Nachwuchs möchte ich diese Erfahrung um keinen Preis ersparen.

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