Political Correctness als neue normative Ethik

Marguerite A. Peeters beschreibt im Aufsatz „Von Political Correctness zur neuen Ethik“ (Hervorhebungen von mir) die Heranbildung einer neuen Ethik:

Man kann sagen, dass die Political Correctness als westliches Phänomen sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem weltweiten Phänomen einer neuen, normativen Ethik gewandelt hat. Diese Entwicklung beinhaltet eine Veränderung hin zu größerem Formalismus und zur moralisch „maßgeblichen Autorität“ des revolu­tionären Prozesses. Es stellt sich die Frage: Wie sieht der nächste Schritt in diesem [kulturrevolutionären] Prozess aus?

Schon in den 1980er-Jahren zeigte sich, dass die neue Ethik im Westen die Oberhand gewonnen hatte: Kultur und Politik richteten sich an ihrem Wertgefüge und ihren neuen Prioritäten aus. Zu ihren Kernwerten gehören: Inklusion (Dazugehörigkeit von Minderheiten), Wahlfreiheit, Gleichstellung, Frauenrechte, Umweltschutz, „Mitgefühl“, Solidarität, Rechenschaftspflicht und Transparenz, politische Teilhabe „von unten“ (von der Basis), Nichtdiskriminierung, Minderheitenrechte, Toleranz, „Neutralität“, „globale Werte“.

Die wichtigsten Paradigmen dabei sind Freiheit („zu wählen“) und Gleichheit (für Gruppen, die traditionell als „diskriminiert“ gelten, zum Beispiel Frauen, Kinder, Schwarze, Behinderte, Ureinwohner, sowie Randgruppen wie lesbisch, homosexuell oder bisexuell Lebende oder Menschen mit Transgender-Lebensstilen).

Im Gegenzug erhielten Begriffe wie Autorität, Wahrheit, Nächstenliebe, Sünde, Religionsfreiheit, Gut und Böse, Tradition, die Familie, Keuschheit, Komplementarität, Ewigkeit, Naturgesetz, Schöpfung, Mutterschaft, Vaterschaft, Ehemann, Ehefrau allmählich eine negative Bedeutung. Diese Worte sind heute aus den politischen und kulturellen Debatten des Westens einfach verschwunden. Sie vorwiegend zu gebrauchen – was bei allen gesellschaftlichen und sozialen Übereinkünften eigentlich der Fall sein sollte – gilt als „politisch inkorrekt“, als „gegen den Strom“. Die neue erzwungene Orthodoxie bringt viele dieser Begriffe vielmehr in Verbindung mit Fundamentalismus, Radikalismus, Obskurantismus, Intoleranz und Diskriminierung. Diese Begriffe gelten als Stereotype, die zu „dekonstruieren“, also aufzulösen sind. 

Genau an dem, was die neue Ethik beiseite schieben möchte, macht sie deutlich, was sie dekonstruieren möchte: Eine Offenheit für die Transzendenz – wobei besonders die jüdisch-christliche Tradition im Visier ist. Die neue Ethik ist säkularistisch, d.h. ausschließlich innerweltlich ausgerichtet. Sie nimmt eine Neuinterpretation universaler menschlicher Werte und gegenwärtiger menschlicher Hoffnungen und Sehnsüchte auf der Basis eines neuen, säkularistischen Rahmens vor. Sie verabsolutiert vor allem Freiheit und Gleichheit und löst diese von ihrer natürlichen Bindung an das Gesetz, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist. Freiheit wird zu einem Prozess der „Befreiung“ von diesem Gesetz. Freiheit wird zum Recht, tun zu können, was man will, selbst wenn es gegen das eigene Gewissen ist und gegen das, was dieses als wahr und gut erkannt hat. Gleichheit wird zu einem Prozess der „Dekonstruktion“ aller Unterschiede, die doch in die Lebenswirklichkeit eingeschrieben sind. Gleichheit ist zu einem Prinzip geworden, das in der Praxis vor allem für Minderheiten gilt, die den Freiheitsbegriff missbrauchen und „gleiche Rechte“ fordern und dabei den Unterschied zu Rechten, die sich an Wahrheit und Wirklichkeit orientieren, missachten. Diese Radikalisierung von Freiheit und Gleichheit geschah nicht über Nacht. Es war ein langer geschichtlicher Prozess, der bis zur Französischen Revolution zurückreicht.

Die Werte der postmodernen Ethik sind eine Reaktion auf missbräuchliche Strukturen und Haltungen der Neuzeit. Sie sind eine Reaktion auf Machismo (Männlichkeitswahn), Autoritarismus (autoritäres Verhalten, autoritäre Systeme), Kolonialismus, Hartherzigkeit, Ausgrenzung, Vernachlässigung der Umwelt, Ungleichheit. Doch die neuen Werte sind durch die radikale Agenda, die dahinter steht, schon beschädigt. Sie haben sich durchgesetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen, und sich still und heimlich im kulturellen und politischen Mainstream etabliert.

VD: RK.