Bavincks Eindrücke von seiner zweiten USA-Reise

1908 hielt Bavinck auf Einladung von Princeton seine Stones Lectures. Es war seine zweite Reise in die USA nach 1892. In seinem Tagebuch notierte Bavinck die Eindrücke (siehe Valentine Hepp, Dr. Herman Bavinck, Kok: Kampen 1921, S. 306-310). Es ist eine Mischung aus Lob und Kritik:

Er wunderte sich über die Kinder, welche die Erwachsenen nicht anständig grüssten und das Haus in Anwesenheit von Erwachsenen ohne Grusswort verliessen; er staunte über einen Pastor, der mit einer Zigarre im Mundwinkel in einem Restaurant erschien – er fand dies unpassend in der Öffentlichkeit; er empfand die Amerikaner als engstirnig (!), gekünstelt und willig, um jeden Preis Frieden zu halten. Er empfand die Landsleute als selbstsüchtig und vor allem an sich selbst interessiert. Im Gegenzug freute er sich über die Gastfreundschaft und die Willigkeit, das Land und Haus zu zeigen. Sie seien zudem bemüht, nicht schlecht über andere zu reden, und unterschiedliche Standpunkte stehen zu lassen. Zudem stellte Bavinck fest, dass die Amerikaner viel Zeit und Geld für Kleider und den Körper aufwendeten. Als Gefahr stellte er das starke öffentliche Schulwesen dar, welche die „Kinder des Bundes“ dem Glauben entfremdeten.  Dem entsprechend beurteilte er die amerikanische Politik als korrupt. Individualismus und Materialismus waren nach seiner Einschätzung weit verbreitet. Er war vom stark verbreiteten Rassenhass irritiert.

Auch für das kirchliche Leben fand er kritische Worte: Die Frauen von Pastoren würden wie Sklaven gehalten. Das mag mit den damals tiefen Löhnen von Pastoren zusammenhängen. Gleichzeitig stellte er fest, dass die amerikanischen Frauen unabhängiger als die europäischen waren. Die Männer lebten für ihre Arbeit und fürs Geldverdienen. Die Frauen kümmerten sich um die grossen Haushalte, wobei er sie als etwas verschwenderisch empfand.  Die Predigten waren für sein Empfinden oberflächlich. Die Sonntagschule lehrten den Katechismus nicht mehr. Die Lehre war den Gottesdienstbesuchern gleichgültig. Sie hielten viel von Erweckung und wenig von Reformation. Er war schockiert, dass wenig über Sünde gesprochen wurde und viel über Liebe. Die Taufe wurde oft verzögert durchgeführt, das Abendmahl mehrheitlich als Erinnerungsmahl angesehen. Die Kirchenzucht war praktisch inexistent. Die Aufnahmeprüfung für Pastoren war inhaltlich flach, es ging vor allem darum, ob jemand ein guter Zuhörer war und die Leute liebte.

Hm, 104 Jahre später würde dieser Bericht in unserer westlichen Welt nicht so viel anders ausfallen.

George Harinck kritisert hier die Einseitigkeit der Wiedergabe von Bavincks Tagebuchnotizen. Harinck ist der Editor von Bavincks Reisenotizen seiner ersten USA-Reise von 1892.

Ähnliche Beiträge