Lernplätze aus 2012 (4): Die Rückkehr des antiken Arbeitsideals

Nach einem Jahr intensiver Beratungsarbeit unter Führungskräften eines internationalen Unternehmens meine ich folgendes festgestellt zu haben: Das antike Arbeitsideal kehrt in unsere Arbeitswelt zurück. Was meine ich damit? Es gibt eine stärker ausgeprägte Hierarchie. Unabhängig von äusserlich kameradschaftlichen und saloppen Umgangsformen (z. B. dem Duzis mit allen) nehmen die Unterschiede innerhalb der Hierarchiestufen zu. Das heisst: Es gibt Arbeitsplätze „oberhalb“ der Wolkenfelder. Die Berührung mit der realen Arbeitswelt der fleissigen Ameisen an der Basis ist minimal. Man zeigt sich nur selten bis gar nie vor Ort. Damit einhergehend ist das Einkommensgefälle. Wer „unterhalb“ der Wolken arbeitet, bleibt auf seinem Salär sitzen und ärgert sich über die Abzockermentalität von „oben“. Das führt zu einer zusätzlichen Entfremdung von ganz oben mit dem „Bodenpersonal“, von speziell inszenierten Anlässen abgesehen. Dort gehört es zum guten Ton, sich unter das Volk zu mischen und Nähe zu demonstrieren.

Bei den Griechen galt die Arbeit mit den Händen übrigens als minderwertig. Jeder war froh, ihr entronnen zu sein und sich den höheren Genüssen des Lebens widmen zu können. Die christliche Arbeitsmoral setzt ganz andere Akzente: Jeder Mensch ist in Gottes Bild geschaffen und darum wertvoll. Gott hat dem Einzelnen unterschiedliche Gaben zugeteilt. Jeder dient mit der Gabe Gott. Jede Aktivität ist wertvoll. Eine Verwaltungsratssitzung ist nicht wichtiger als das Putzen eines Eingangs. Jedes Engagement für den Schöpfer ist begrüssenswert. Es kommt noch hinzu: Wer von Gott in eine höhere Hierarchiestufe gestellt worden ist, nimmt dies als höhere Verantwortung wahr. Das heisst nicht, die Hände in den Schoss zu legen und die anderen für sich arbeiten zu lassen. Im Gegenteil: Es gibt mehr Mühe, mehr Widerstand, mehr Arbeit. Wenn ein Überschuss erzielt wird, ist es selbstverständlich einen Teil davon der Kirche und den Armen zu geben. Unternehmensführer haben eine besondere Verantwortung, mit den anvertrauten Gütern vorausblickend und zum Wohl von Gottes Schöpfung umzugehen. Auf diese Arbeitsmentalität geht unser Wohlstand zu einem wesentlichen Teil zurück. Die nächsten Generationen werden, davon bin ich überzeugt, den Wandel dieser Arbeitsmentalität mit aller Härte zu spüren bekommen. Jesus sprach zu seinen Jüngern von einer Zeit, in welcher die Liebe erkalten wird. Das erfordert eine andere Vorbereitung in Bildung und Erziehung. Unsere Konsumwelt und das Heranzüchten von Narzissten wird diesen Herausforderungen, so fürchte ich, nur schlecht ausgerüstet gegenüber treten können.