Das Königreich Gottes ist und bleibt das höchste Gut

Dem Neokalvinismus wird oft eine triumphalistische Sichtweise im Hinblick auf die Transformation der bestehenden Verhältnisse unterstellt. Herman Bavinck (1854-1921), der an vorderster Front im Bildungsbereich (u. a. Reorganisation der konfessionell geführten privaten Gymnasien und Hochschulen), in der Wissenschaft (v. a. die Konfrontation mit den Folgen einer materialistischen und pragmatischen Weltanschauung), in der Politik (u. a. Führung des Wahlkampfes für den wieder antretenden Ministerpräsident der Niederlande 1905; über zehn Jahre Mitglied des niederländischen Senats) und in der Kirche (u. a. federführend bei der Vereinigung von zwei Abspaltungen innerhalb der Niederländischen Reformierten Kirche 1892) mitwirkte, fand jederzeit klare Worte für die Prioritäten. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der enstehenden Dissertation:

Auch wenn sich Bavinck dankbar über all den Fortschritt äussert, erinnert er an die Prioritäten. Das Reich Gottes ist und bleibt das höchste Gut. So beginnt er die Vorlesung über die Offenbarung Gottes und die Zukunft mit der Feststellung, dass, obwohl die christliche Religion nicht prinzipiell mit der Kultur in Feindschaft stehe, die Güter dieser Erde von untergeordnetem Wert seien. Verglichen mit dem Königreich Gottes, der Vergebung der Sünden und dem ewigen in Gemeinschaft mit Gott habe die ganze Welt zweite Priorität. Deshalb stehe die christliche Religion in direktem Widerspruch zur Prioritätensetzung des modernen Menschen.[1] Diese programmatische Aussage steht an einer wichtigen Stelle des Werkes, nämlich am Anfang seiner Aussagen über die Zukunft. So ist das Evangelium der wahre Standard, an denen die Phänomene und Ereignisse gemessen werden müssen. Diese Botschaft ist der Führer “durch das Labyrinth der gegenwärtigen Welt”. Es erhebt uns über diese gegenwärtige Zeit hinaus und zeigt uns die Dinge vom Standpunkt der Ewigkeit her.[2]

Auch an anderen Schlüsselstellen seines Lebens kommt Bavinck auf diese Rangordnung zurück. In seiner Rede vor dem Zentralkomitee der Antirevolutionären Partei (ARP) nach der Wahlniederlage von 1905 merkt er an, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Das Evangelium Christi sei der grösste Schatz. Er verwendet seine Standardmetapher und spricht vom Reich der Himmel als der Perle, die alles Materielle in ihrem Wert weit übersteigt. Im Übrigen, fügt er hinzu, sei die christliche Beteiligung an der Regierung eines Staates eine “heilige Aufgabe”.[3]

Bavinck ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, bestürzt über die Entfremdung vom Glauben, die viele reformierte Familien erfasste, welche ihre Söhne an die Hochschulen schickte. „Ganze Familien sind auf die Seite unserer Gegner übergelaufen.“ Deshalb ist er der Überzeugung, dass es dringend reformierte Einrichtungen brauche, um die Bildung mit einer christlichen Weltanschauung zusammen zu bringen.[4]

Am Schluss seines Aufsatzes zur Nachfolge Christi und dem modernen Leben findet Bavinck warnende Worte. Er verweist auf die Mahnung der Heiligen Schrift, dass Reichtum Versuchung und Fallstrick darstelle, welche Menschen ins Verderben stürzten. „Dieses materialistische Jahrhundert“ drücke dieser Aussage seinen Stempel aus. Er beeilt sich nach dieser Warnung, die falsche Priorität zu setzen, hinzuzufügen, dass Gold und Silber nicht in sich sündig seien. Sünde habe ihren Sitz im Herzen des Menschen, und deshalb sei der Kampf der Sünde in erster Linie ein Kampf, der im Inneren des Menschen stattfinde.[5] Wenn der Mensch seine Rückbindung an die ewigen Werte verliert, dann ist er ein leichtes Opfer der materialistischen Gesellschaft.[6]

Bavinck warnt auch vor überzogenen Erwartungen an die gegenwärtige heilsgeschichte Epoche. Die innere geistliche Einheit der Menschheit würde nicht zustande kommen. Er wehrt sich gegen die Hoffnungen der Chiliasten, die in direkter Opposition zur Beschreibung der Zukunft in der Bibel zögen. Jesus entwirft seinen Jüngern ein Bild des Kampfes, der Unterdrückung und Verfolgung. „Er verheisst ihnen auf dieser Erde keine Krone, sondern ein Kreuz. Das höchste Ideal für den Christen ist es nicht mit dieser Welt, mit der Wissenschaft, mit der Kultur Frieden zu schliessen um jeden Preis, sondern in der Welt sich selbt vor dem Bösen zu bewahren.“[7]

Diese eschatologische Optik ist eine Stimme innerhalb der Melodie des Aufsatzes über die Allgemeine Gnade. Erst wenn das Königreich Gottes in seiner Fülle gekommen sein wird und Christus es in die Hand des Vaters zurückgegeben hat, wird die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt werden. Ja, Christus gibt sogar noch mehr, als die Sünde gestohlen hat. Er stellt den Menschen nicht nicht nur in den Stand Adams vor dem Sündenfall wieder her, sondern macht uns zu Menschen, die nicht mehr sündigen (1Joh 3,9) und nicht mehr sterben (Joh 11,25) können. So wie wir im Bild des Irdischen geboren wurden, so werden wir nach unserer Auferstehung des Bild des Himmlischen tragen (1Kor 15,45-49). Ein neuer Gesang wird im Himmel angestimmt (Offb 5,9), auch wenn die ursprüngliche Ordnung der Schöpfung bestehen bleibt.[8] Erst dann wird der Mensch Gott mit seiner gesamten „mentalen Kapazität verstehen“ – mit einer direkten, unmittelbaren, reinen Kenntnis. Dann wird er erst wahr besitzen, worauf er in diesem Leben gehofft hat.[9]

 


 

[1] Although the Christian religion is not at enmity with culture in principle, still there is no gainsaying that it attributes only a subordinate value to all the possessions of this earthly life. The value of the whole world is not so great as that of the righteousness of the kingdom of heaven, the forgiveness of sins, and eternal life in fellowship with God. In this respect the Christian religion is in direct opposition to the view of the world taken by the modern man, and is neither prepared nor fitted for compromise with it. The question between them concerns no less than the highest good for man.” Herman Bavinck. The Philosophy of Revelation. S. 269. An anderer Stelle meint er: “(A)griculture, industry, commerce, science, art, the family, society, the state, etc.–the whole of culture–may be of great value in itself, but whenever it is thrown into the balance against the kingdom of heaven, it loses all its significance.” Herman Bavinck. The Philosophy of Revelation. Pos. 3476-78.

[2] „The gospel gives us a standard by which we can judge of phenomena and events; it is an absolute measure which enables us to determine the value of the present life; it is a guide to show us the way in the labyrinth of the present world; it raises us above time, and teaches us to view all things from the standpoint of eternity.”. Ebd. Pos. 3631-34.

[3] „Bij brood alleen kann de mensch niet leven. Het Evangelie van Christus is onze grootste schat, en het Koninkrijk der hemelen, door hem op aarde gesticht, is een parel, die in waarde alle materieele goederen overtreft. Ten aanzien val al die ideal schatten, welke in de Christelijke religie haar middelpunt hebben, rust zonder twijfel ook op de overhead eene heilige taak.” Herman Bavinck. Christelijke en Neutrale Staatkunde. S. 30.

[4] „En daarbij komt, dat ons, meer nog dan het geld, in dezen tijd in staat en kerk, in wetenschap en kunst, de mannen ontbreken, die vooraan kunnen staan inden strijd. Een leger is goed, maar wat zal het uitrichten, als de officieren ontbreken? Niet bij enkelen, maar bij tien- en honderdtallen hebben de ongeloovige scholen van lager en middelbaar en hooger onderwijs ons onze zonen ontroofd. Gansche familien en geslachten zijn door haar aan de zijde onzer tegenstanders overgebracht. En alleen eene Christelijke wetenschap, eene Gereformeerde Hoogeschool is in staat, om voor ons te bewaren of ons terug te schenken de mannen, die met hunne overtuigingen niet tegenover het volk staan, maar het leiden en voorgaan naar zijn historischen, nationalen en calvinistischen aard.“ Petrus Biesterveld en Herman Bavinck, Bede en Rede. S. 42.

[5] „Immers blijft het woord der Schrift waarachtig, dat wie rijk willen worden in verzoeking vallen en in den strik en in vele dwaze en schadelijke begeerlijkheden, welke de menschen doen verzinken in verderf en ondergang. Indien ooit, dan drukt deze materialistische eeuw haar zegel op dit woord. En toch, aan den anderen kant, de zonde zit niet in het goud en het zilver, in den eigendom en in het kapitaal, evenmin als in de wetenschap of de kunst, in de rechtsorde of den krijg op zichzelve. De zonde heeft haar zetel in het hart van den mensch; en daarom is de strijd tegen de zonde steeds en in de eerste plaats een strijd tegen onszelven.“ Herman Bavinck. Kennis en Leven.  S. 144.

[6] „Als het volk in den staat, in de kerk, in de traditie enz. zijne zedelijke steunsels verliest, neigt het er licht toe, om, vooral in eene materialistische maatschappij als de onze, aan de stoffelijke goederen de hoogste waarde toe te kennen.“ Herman Bavinck. De opvoeding der rijpere jeugd. S. 200.

[7] „Although the gospel lays this missionary work on the consciences of all its confessors with the greatest earnestness, yet it never flatters us with the hope that thereby the inner spiritual unity of mankind will be accomplished in the present dispensation. The idea of a millennium stands in direct opposition to the description of the future which runs through the whole of the New Testament. Jesus portrays to his disciples much rather a life of strife, oppression, and persecution. He promises them on earth not a crown, but a cross. The highest ideal for the Christian is not to make peace with the world, with science, with culture at any price, but in the world to keep himself from the evil one. Herman Bavinck. The Philosophy of Revelation. Pos. 4232-36.

[8] Herman Bavinck. Common Grace. S. 59.

[9] „(T)hus they will all know him, each in the measure of his mental capacity, with a knowledge that has its image and likeness in God’s knowledge—directly, immediately, unambiguously, and purely. Then they will receive and possess everything they expected here only in hope. Thus contemplating and possessing God, they enjoy him and are blessed in his fellowship: blessed in soul and body, in intellect and will.“ RD 4:722.

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