Über der Herzgrenze (5): Einladung in neue Knechtschaften

Die Narkose ist vorbei, und schon beginnt die Interaktion mit anderen Menschen: Mitarbeitenden des Spitals, Angehörigen, Freunden, Bekannten. Es gibt in allen Segmenten einen bestimmten Menschentyp, ich nenne ihn den „Moralisten“ (siehe diese ausgezeichnete Gegenüberstellung von Tim Keller). Auf die Gefahr hin etwas zu verallgemeinern, beginnt der Moralist verbal oder nonverbal mit dem folgenden Satzteil: „Jetzt musst du aber…“ Die Appelle, die dann folgen, sind so bunt wie es die Menschen selbst sind. Gemeinsam ist ihnen aber alle diese Appellebene. Es ist eine Strenge und Unerbittlichkeit spürbar.

Nun würde ich mich selber eher dieser Kategorie zuordnen. Das bedeutet: In der lebensbedrohlichen Situation, in der ich mich befand, verkrampfte ich mich. Der Stress der Operation verstärkte diese Verkrampfung noch. Logisch, dass jeder Imperativ – er mochte noch so gut gemeint sein – nicht eben zur Lockerung beitrug. Eine nicht unerhebliche indirekte Wirkung entfalteten die Aufforderungen, welche sich die Familie zur gleichen Zeit anhören musste. Es gab einen Punkt, zum Glück schon ziemlich bald, an dem ich innerlich zur Überzeugung kam: „Eben muss ich nicht. Ich muss mich nicht in eine neue Knechtschaft von Erwartungen gegenüber mir selbst und anderen begeben.“ Der wiederholte Appell „Lass los!“ habe ich in ein Gebet umformuliert: „Herr, hilf mir, loszulassen. Ich merke, dass ich dies von mir selbst aus nicht schaffe. Ich habe mich zu stark verbissen. Ich fürchte mich immer wieder. Danke, dass du mich frei machst.“