Weshalb wir uns für einen Minimal Lifestyle entschieden haben (4): Auf Kompensationshandlungen verzichten

Der römische Philosoph Seneca schrieb: „Glück ist die Fähigkeit zum Verzicht.“ Cicero schrieb eine lange Unterredung, um zu widerlegen, dass Lust das höchste Gut ist. Wie ist das aus christlicher Sicht zu beurteilen? Sprach Jesus nicht davon, täglich das Kreuz auf sich zu nehmen und sich selbst zu verleugnen? Gebot er nicht, dem zu geben, der von dir borgen will? Der entscheidende Punkt ist: Gilt es zu verzichten um des Verzichts willen? Wird der Verzicht an sich zur Tugend erhoben, gleiten wir zu schnell in einen Moralismus ab. Nicht mehr das Werk von Jesus und seine Gnade stehen an oberster Stelle, sondern unsere Bereitschaft zu verzichten und unseren Geist und Körper unter Kontrolle zu halten. Meist ist dies verbunden mit dem intensiven Wunsch, uns mit anderen zu vergleichen und unser Selbstwertgefühl über diesen „Benchmark“ zu steigern.

Jesus ist punkto Verzicht ein ideales Beispiel: Er erduldete das Kreuz nicht um des Kreuzes, sondern um der vor ihm liegenden Freude willen (Hebräer 12,2). Er wurde nicht arm um der Armut willen, sondern um uns reich zu machen (2. Korinther 8,9). Er entäusserte sich nicht um der Entäusserung willen, sondern um durch seinen Gehorsam seinen Vater zu ehren (Philipper 2,6-11). Wir stehen in der Gefahr den Verzicht zu sehr überzubetonen, anstatt vom übergeordneten Ziel her unsere Wünsche zu beurteilen.

Von diesen Grundsatzüberlegungen ausgehend wechseln wir in unseren Alltag. Wenn ich etwas konsumieren oder mir etwas anschaffen will, stelle ich mir die Frage: Was treibt mich dazu an? Was möchte ich kompensieren? Was wäre das passende „Original“ der Freude in Jesus? Ich bin mir bewusst, dass mein Herz unergründlich erfinderisch darin ist, selbstsüchtige Wünsche vor mir selbst und anderen zu rechtfertigen. Wie wäre es, wenn wir hier und da die (oft kurz andauernde) Leere aushalten und um die Freude in Jesus bitten würden? Ich glaube, dass sich daraus eine befriedigende Gewohnheit entwickeln kann – befriedigend auch für unsere Nächsten.