Über den Zusammenhang zwischen Weisheit und Wissenschaft

Es tut uns gut, uns die folgenden Überlegungen im Zeitalter des „Professionalismus“ in Erinnerung zu rufen:

Bavinck bewegte verbrachte sein ganzes berufliches Leben im Dienste der Wissenschaft. Er wurde jedoch nicht müde zu betonen, dass das Leben der Wissenschaft vorausgeht. Das Leben enstammt nicht der Wissenschaft und kann auch nicht auf sie warten. Jeder Bereich, Familie und Gesellschaft, Arbeit und Freizeit, Landwirtschaft, Handel und Industrie behalten ihren eigenen Charakter bei. Jeder dieser Bereiche nützt wissenschaftliche Resultate. Die Weisheit des Lebens ist jedoch der eigentliche Ausgangspunkt für jede wissenschaftliche Forschung. Die Gelehrten sollten deshalb die Erkenntnisse von Erfahrung nicht verachten, sondern für deren Läuterung und Zuwachs sorgen.[1]

Welcher Art ist nun der Zusammenhang zwischen Weisheit und Wissenschaft? Zwar besteht ein offenkundiger Unterschied zwischen dem alltäglichen, durch Erfahrung gewonnenen, und dem wissenschaftlichen, durch gezieltes Vorgehen ermittelten Wissen. Aber diese Unterscheidung sollte uns nicht vergessen machen, dass eine enge Beziehung zwischen beiden besteht. Die Wissenschaft ist nichts anderes als eine Erweiterung und Bereicherung des Wissens, das bereits in der Familie und durch die Grundbildung gewonnen wurde.[2]  Wissenschaft muss sich deshalb dauernd durch praktische Erfahrung korrigieren lassen. Bavinck nennt als Beispiele das feine Gespür für Menschen, über das ein Anwalt verfügen muss; ebenso den Arzt, der nicht einfach aus der Höhe seiner Erkenntnis auf alltägliche Erfahrung herunterblicken kann.[3] Ein weiteres Beispiel ist das Erziehungshandeln von Eltern: Auch wenn diese nie ein pädagogisches Handbuch studiert haben, werden sie trotzdem durch Grundsätze von Religion und Moral geführt. Sie profitieren von einem reichen Wissen, das sie nicht nur durch die eigene tägliche Übung erwarben, sondern indem sie auf den Erfahrungsschatz vorhergehender Generationen zurückgriffen.[4]

Umgekehrt ist Weisheit auch auf Wissenschaft gegründet, aber sie bleibt bei ihr nicht stehen. „Sie strebt über die Wissenschaft hinaus und trachtet zu den primis principiis durchzudringen.“ Sie sucht die „leitenden Ideen“ aufzuspüren.[5] Die wahre Weisheit geht von dem christlichen Glauben aus. Es ist dieselbe göttliche Weisheit, die die Welt organisch zu einem Ganzen verbindet, und die in uns das Verlangen nach einer ‚einheitlichen‘ Weltanschauung legt.“[6]



[1] The Philosophy of Revelation,  Pos. 3027-3034

[2] Het Doctorenambt, S. 71

[3] Vgl. Christelijke wetenschap, S. 51

[4] Vgl. Paedagogische Beginselen, S. 17

[5] Christliche Weltanschauung, S. 35

[6] Ebd. S. 36.