Wenn das Leitseil der Erziehung gelockert wird

Mehr und mehr musste ich mich mit Erziehungsfragen beschäftigen. Es kamen die Jahre, da sich die Folgen der zu starken Lockerung des Leitseiles bemerkbar zu machen begannen. Ich selber bin ja mit Begeisterung dabei gewesen, als die grossen Pädagogen und Psychologen uns lehrten, besser in des Kindes Seele zu lesen. Ich selber half nach Kräften mit, den Zwang zu verwerfen, durch den die falsch verstandene Autorität vom Kind absoluten Gehorsam, absolute Unterwerfung verlangt hatte. Ich selber jubelte mit, als man sich zu kleinen pädagogischen Gruppen zusammentat, um die Frage zu studieren, wie man dem Kinde helfen könne zur freien Entwicklung all seiner schlummernden Kräfte. Von der Schule griff diese freiere Art der Erziehung in die Familien über. Das Kind war vielerorts zum Gott geworden, vor dem man schier auf die Knie fiel. Man hatte vergessen, dass diese Art freier Erziehung an den Erziehung viel grössere Anforderungen stellt. Väter, die selber noch der Erziehung bedurft hätten, liessen die Zügel fahren und brüsteten sich damit, moderne Erzieher zu sein. Einst kam nach Schulschluss ein junger Vater und bat um eine Unterredung. Das heisst: Er bat eigentlich nicht, sondern fing gleich an zu schimpfen. Ich hatte seinen Sohn wegen einer Ungezogenheit strafen müssen. „Sehen Sie“, meinte er und stellt sich breit vor mich hin, „ich will nicht, dass meinem Hugo der Wille gebrochen wird.“ Ich sagte ihm, es schiene mir, dieser Wille sei noch sehr ungebrochen, und wir könnten ja vielleicht in zehn Jahren noch einmal darüber reden. Er verabschiedete sich, und ich sah ihm noch eine Weile nach. Er zündete sich eine Zigarette an, warf das rote Streichholz auf den schön gepflegten Rasen und die leer gewordene Schachtel auf ein Blumenbeet. War’s zum Verwundern, wenn der Sohn Hugo alles, was seinen Weg durchkreuzte, rücksichtslos beseitigte?

Was soll ich weiter erzählen? Wissen wir ja doch alle, worum es geht: Wenn von Eltern nicht mehr anerkannt wird, dass ihr Kind lernen muss, sich zusammenzunehmen, wenn sie zugeben, dass es frei nach seiner Willkür alle seine Gelüste befriedigen kann – was soll aus ihm werden? Wer soll ihm dann helfen, wenn später die verhängnisvollen Triebe erwachen und keine Kraft da ist, sie zu überwinden?

Auf meinem Weg durch diese Jahre hindurch trug ich schwere Sorgen um das Werden und Wachsen der zukünftigen Generation auf dem Herzen. Ich selber hatte ja Mühe, die Richtung nicht zu verlieren: wie weit soll man einem Kinde seine Freiheit lassen, wo muss man entschieden eingreifen? Wenn man sich da nicht immer wieder orientiert an Gottes Geboten und an dem, was Christus uns lehrt, wenn man sich selbst nicht unter genauer Kontrolle hält, so wird man mitgerissen in diesen Taumel, der nicht mehr weiss, was gut ist und was böse.

Es kam hinzu, dass die Kinder fast von Jahr zu Jahr mehr Mühe hatten, sich zu konzentrieren. Der wachsende Verkehr, Kino und Radio, die ganze Unruhe und Hast des Erwerbslebens erschwerte mehr und mehr eine ruhige, zielbewusste Schularbeit. In den ersten Jahren gelang es mir noch, recht schöne, gemeinsame Arbeiten mit den Kindern zustande zu bringen. … In den letzten Jahren brachte ich es nur mit Mühe dazu, dass jedes mindestens einen Beitrag leistete zu einer gemeinsamen Arbeit. Sind die Kinder dümmer geworden? Keine Spur. Aber sie hatten nicht mehr Zeit; alles verleidete ihnen sehr bald. Es fehlte ihnen an Ausdauer und einer gewissen Seelenruhe, die man nicht erzwingen kann. Soll man sich wundern? …

Merkwürdige Beobachtung: Wenn es galt, tüchtige Kopfarbeit zu leisten, mit Aufmerksamkeit an der Arbeit zu sein, eine Aufgabe gewissenhaft und gründlich auszuführen, so hatte man auf der Stelle das Gefühl, man überfordere diese Kinder, man müsse wohl mehr Rücksicht nehmen auf ihre schwachen Nerven, dürfe nicht mehr so viel verlangen. Anders aber bei Spiel und Sport. Da merkte man nichts von zarten Nerven. Sie wurden immer tollkühner, draufgängerischer, wollten keine Schranken anerkennen. Ich fragte mich oft, ob man es mit einer ganzen andern Sorte Mensch zu tun haben? …

Ich war genötigt streng zu sein; aber ich erfuhr es immer wieder, dass die Kinder keinen Schlamassler und Gummimenschen zum Lehrer begehren, sie suchen im Gegenteil einen, der sie mit fester Hand führt, und dem sie gehorchen dürfen.

Elisbeth Müller, Pädagogin und Kinderbuchautorin, in: „Türen gehen auf“ (Gute Schriften: Bern 1958), S. 80-84.