Auch Helden haben Schattenseiten

Ich habe in den vergangenen Monaten viel über Herman Bavinck (1854-1921) geforscht. Bei Personen mit einer derartigen Hinterlassenschaft besteht die Gefahr, dass wir die Vergangenheit in goldigerem Licht erscheinen lassen, als sie wirklich ist. David J. Engelsma weist auf einige dunkle Flecken in Bavincks Biographie hin:

  • Wie ungehalten Bavinck auf den Antrittspredigttext reagierte (siehe Valentijn Heppe. Herman Bavinck. S. 83)
  • seine Wut, als die Vorgänger durch ihre langen Referate bei seiner Antrittsrede in Kampen die Zeit für die eigene Vorlesung verkürzten (siehe ebd. S. 120f)
  • seine empfindliche Reaktion auf Kritik, etwa nach der Ablehnung eines Vorschlag über das Zusammengehen der Seminare 1889 (siehe ebd. S. 262-263; „Niets prikkelde Bavinck meer dan openlijke kritiek“, ebd. S. 164)
  • dass er seit seiner Ausbildung in Leiden mit Zweifeln bezüglich Glaubwürdigkeit der Bibel rang („Hij wijst hier op een tweeheid in zijn geestelijk bestaan. Theoretisch ontkent hij het nut der historische kritiek niet. Maar praktisch wendt hij er zich van af.“ Ebd. S. 89);
  • dass er in den letzten Jahren oft trübe und depressive Gedanken mit sich herumtrug (ebd. S. 326)
  • dass er sich zunehmend der Relativität seines Wissens bewusst wurde („Ik word met den dag dieper doordrongen van de ontzaglijke relativiteit van ‚irons weten‘…“, ebd. S. 322)
  • dass er an der Synode von Leeuwarden (1920) die Empfehlung abgab, die Art. 2-7 (Heilige Schrift) näher anzuschauen im Hinblick auf eine Revision (siehe R. H. Bremmer. Bavinck als dogmaticus. S. 381);
  • dass zwei seiner Schüler, J. B. Netelenbos (1919) und J. G. Geelkerken (1926) die Historizität der ersten Kapitel der Bibel in Abrede stellten und wegen häretischen Aussagen von der Synode ausgeschlossen wurden.

Vgl. David J. Engelsma. Herman Bavinck: The Man and His Theology. Protestant Reformed Theological Journal Vol. 46 (November 2012).