Lektionen aus der Lektüre von Gefangenenliteratur (1): Unterschreiben, bitte!

Meine Gute-Nacht-Lekture zur Zeit ist keine „Wohlfühl-Wärme“-Kost. Denn ich lese Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“. (Nicht für schwache Nerven ist zum Beispiel eine detaillierte Beschreibung von 25 leichten Foltermethoden.) Das Werk gehört m. E. zur Weltliteratur. Auf jeden Fall ist es der Kategorie „Gefangenenliteratur“ zuzuordnen. Solschenizyn fasste 1973 erstmals in Worte, was damals im Westen nur stückweise durchgedrungen war. Es geht um das Schicksal von zig-Millionen Gefangenen der Sowjetunion. Es handelt sich um eine enthüllende Dokumentation. Wer sich einen Überblick über das Werk verschaffen möchte, kann bei wikipedia beginnen, die Spiegelausgabe 1/1974 lesen oder diesen kurzen Artikel der Zeit.

Eine Szene geht mir nicht mehr aus dem Gedächtnis. Nach einer längeren Zeit in Haft kommt der Tag, an dem Solschenizyn vor ein Tribunal zur Urteilsverkündung geladen wird. Nicht nur die buchstäbliche Reinwaschung des dreckigen, unterernährten Körpers geht „unter die Haut“, sondern der Auftritt vor den „Organen“. Genauer gesagt musste der Häftling vor einen gelangweilten, durch die Routineprozedur abgestumpften Offizier treten. Er wurde gezwungen, ein umfangreiches Dokument zu unterzeichnen. Das Ungewöhnliche: Solschenizyn unterschrieb nicht einfach, sondern las das Dokument durch. Nur durch diesen ungewöhnlichen Mut und seine Wachheit in wichtigen Momenten gelang es ihm, wichtige Informationen für später zu sammeln. Er hätte sich weigern können, die Liste von Scheinargumenten zu unterzeichnen. Doch dann wäre er wohl gleich an die Wand gestellt oder sonst sofort entsorgt worden. Also fügte er sich und unterschrieb.

Ich habe mir folgende Fragen gestellt: Wann muss ich Klarheit einfordern? Wann muss ich meine Menschenfurcht überwinden? Und wo muss ich in Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten auch mal etwas tun, was mir im Moment gegen den Strich geht?