Lektionen aus der Lektüre von Gefangenenliteratur (2): In der eigenen Not anderen beistehen

Die Bomben sind niedergegangen, ein Teil des Gefängnisses brennt. Ein heilloses Durcheinander herrscht. Es muss aufgeräumt und geordnet werden. Was tat Dietrich Bonhoeffer, prominenter Häftling in Berlin-Tegel in solchen Momenten? Die Details sind mir nicht mehr präsent, denn die Lektüre liegt schon eine Weile zurück. Was mir hängen geblieben ist, betrifft die Reaktion Bonhoeffers. Er ging von sich aus an den Ort der Not und half, wo er auch nur konnte. Manchmal scheint es mir, dass in Zeiten der Bedürftigkeit und des persönlichen Mangels es nichts Besseres gibt, als anderen im Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit beizustehen. Vielleicht waren es ja gerade die äusseren Umstände, die Bonhoeffer vermehrt zu dieser Reaktion antrieben. Heute lautet der Imperativ anders: Gib acht auf dich selbst. Schau, dass du nicht zu kurz kommst. In der Beschäftigung mit dem eigenen Mangel nimmt das Bewusstsein dafür noch zu. Es beginnt ein Kreisen um die eigene Not. Gott stehe mir bei, nicht nur das meine zu suchen, sondern auch das der anderen.

An einer anderen Stelle schreibt er:

Wünsche, an die wir uns zu sehr klammern, rauben uns leicht etwas von dem, was wir sein sollen und können. Wünsche, die wir um der gegenwärtigen Aufgabe willen immer wieder überwinden, machen uns – umgekehrt – reicher. Wunschlosigkeit ist Armut. In meiner jetzigen Umgebung finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind; sie hören nicht und sind unfähig zur Nächstenliebe. Ich denke, auch hier muss man leben, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz der sein, der man ist. Es ist merkwürdig, wie sich andere Menschen dann an uns halten, ausrichten und sich etwas sagen lassen.

Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Chr. Kaiser: Gütersloh 2002 (17. Auflage). S. 128.

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