Lektionen aus der Lektüre von Gefangenenliteratur (3): Schönes rundes Brot.

Alexander Solschenizyn berichtet in „Archipel Gulag“ von den Erinnerungen, von denen Gefangene leben. Eigentlich galt unter den Häftlingen das ungeschriebene Gesetz, sich nicht über Nahrungsmittel bzw. Mahlzeiten zu unterhalten. Zu sehr weckte diese Diskussion bei den unterernährten Inhaftierten Begehrlichkeiten, die sich ausser Reichweite befanden. Trotzdem flammte die Diskussion immer wieder auf. Die Männer erinnerten sich nicht an die letzte warme Mahlzeit vor der Gefangenschaft, sondern an die schönen runden Brote, die es vor der Russischen Revolution gegeben hatte. Die Details tauchten vor dem inneren Auge auf: Feste Kruste, einige vom Blech verbrannte Stellen.

Eines ist mir klar. Ich habe keine Ahnung davon, in welchen Bedingungen Menschen auf dieser Erde ihr tägliches Dasein fristen mussten und müssen. Wenn selbst die kleinsten Freuden – ein Stück Brot – in unerreichbarer Nähe bleiben, dann fragt es sich: Was bleibt? Ich sehe zweierlei: Auf der einen Seite freue ich mich genau über solche „Kleinigkeiten“, zum Beispiel über ein Stück selbst gebackenes Brot, das mir meine Frau mitgibt. Auf der anderen Seite bitte ich meinen himmlischen Vater, mir etwas mehr von seiner „vollkommenen Freude“ zu schenken, die sich über die Umstände hinaus erhebt.