Merkmale der postmodernen Erkenntnistheorie

Carson sieht den Wandel von der Moderne zur Postmoderne wesentlich in der Erkenntnistheorie begründet.

Wenn wir verstehen wollen, dass sich die Zeit im Anschluss an die Moderne organisch aus ihr entwickelt hat, ist meiner Ansicht nach »Spätmoderne« der bessere Begriff, während in Bezug auf das Verständnis der Veränderungen in der Erkenntnistheorie der heutigen Kultur »Postmoderne« vorzuziehen ist. Und natürlich kann man beiden Bezeichnungen vorwerfen, dass sie in verwirrendem Maße auf einzelne Aspekte ausgerichtet sind, wie wir sehen werden. (Emerging Church, CVL: Bielefeld 2008, S. 33)

Seine Analyse der postmodernen Erkenntnistheorie ist sehr hilfreich (siehe ebd. S. 127-161).

Merkmale der modernen Erkenntnistheorie

  1. Statt wie die vormoderne Epistemologie mit Gott zu beginnen, sah die moderne Erkenntnistheorie ihren Ausgangspunkt in dem endlichen »ich«.
  2. Die moderne Erkenntnistheorie war zutiefst vom grund- lagentheoretischen Fundamentalismus geprägt.
  3. Der modernen Erkenntnistheorie wurden durch eine genaue Methodik enge Grenzen gesetzt. Der zugrunde liegende Gedanke bestand darin, mit angemessenen und überzeugenden Grundlagen zu beginnen, sorgfältig kontrollierte Methoden hinzuzufügen und dann die ganze Maschinerie in Gang zu setzen, um auf diese Weise Wahrheit zu erzeugen.
  4. Die moderne Erkenntnistheorie stellte selten infrage, dass man epistemologische Gewissheit erlangen will und erlangen kann.
  5. Die moderne Erkenntnistheorie machte sich ein Wahrheitsverständnis zu eigen, das ihr das Gepräge einer »ahistorischen Universalität« … gab.  Mit anderen Worten: Was wahr ist, ist allumfassend wahr.
  6. Obwohl die frühesten Hauptvertreter der Aufklärung Theisten (wie Descartes selbst) oder Deisten waren, übernahmen im Laufe der Jahrhunderte immer mehr moderne Denker den philosophischen Naturalismus.

Merkmale der postmodernen Erkenntnistheorie

  1. Vertreter der Postmoderne beginnen genauso wie Repräsentanten der Moderne mit dem endlichen »Ich«. Die Konsequenzen, die sie ziehen, sehen jedoch ganz anders aus. Da sich jedes »Ich« von jedem anderen »Ich« unterscheidet, muss der Standpunkt jeweils anders sein.
  2. Die postmoderne Erkenntnistheorie beargwöhnt zutiefst jeglichen grundlagentheoretischen Fundamentalismus. … Sie behauptet, alle »Grundlagen« seien unsicher, weil sie nur innerhalb der vorgegebenen Kultur »selbstverständlich« seien.
  3. Die Postmoderne erkennt natürlich an, dass es Methoden gibt. Sie besteht jedoch darauf, dass viele Methoden existieren würden, die jeweils alle voneinander unterscheidbare Ergebnisse hervorbrächten.
  4. Die Postmoderne hebt demnach hervor, dass objektives Wissen weder erreichbar noch erstrebenswert sei.
  5. Alle Wahrheitsansprüche gelten lediglich für einige Menschen, aber eben nicht für alle Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten.
  6. Die Postmoderne zeigt sich gegenüber Berufungen auf die Mystik und allerlei religiösen Bezugnahmen gegenüber aufgeschlossener (sofern sie keine Ausschließlichkeitsansprüche er- heben und besonders dann, wenn es um östliche Religionen geht, die in irgendeiner Form des Pantheismus verwurzelt sind).

Carson nennt zudem fünf Entsprechungen zur postmodernen Erkenntnistheorie (Elemente, die mit ihr einhergehen):

  1. Synkretismus (Religionsvermischung): Heutzutage versuchen Menschen, sich aus Elementen grundverschiedener Religionen das Beste herauszusuchen, um eine Art religiösen Mix zu kreieren.
  2. Säkularisierung:  Wenn diese Religionen an den Rand gedrängt werden, dann sind ihre Wahrheitsaussagen für die meisten Fragen des wirklichen Lebens ohnehin kaum von Belang, während kulturelle Zwänge größere Wirkungsspielräume haben. Umgekehrt gilt: Der Post- moderne gelingt es zunehmend, viele Menschen zu der Schlussfolgerung zu veranlassen, dass die Wahrheitsbehauptungen einer Glaubensrichtung lediglich Ausdruck persönlicher oder gemeinschaftlicher Entscheidungen seien und nicht der Wirklichkeit, der Realität Gottes, entsprechen.
  3. Biblisches Analphabetentum: Wenn die Postmoderne an Einfluss gewinnt, neigt man weniger dazu, die Bibel fortwährend zu lesen. Zumindest liest man sie dann nicht als maßgebliche Offenbarung Gottes.
  4. Undeutlich umrissenes geistliches Leben: Heutzutage gibt es unklare Vorstellungen hinsichtlich einer »Spiritualität«.
  5. Globalisierung:  Für viele hat das Wort vorwiegend wirtschaftliche Untertöne: Aufgrund der Geschäftstätigkeit internationaler Firmen wird die Welt zum globalen Dorf, was sowohl positive als auch negative Ergebnisse mit sich bringt. Nicht weniger wichtig ist die Tatsache, dass eine unerhört schnelle Kommunikation mit fast jedem Teil des Erdballs möglich ist.

Konsequenzen der postmodernen Erkenntnistheorie

  1. Objektive Moralvorstellungen müssten dann mit als Erstes hinterfragt werden. Im Rahmen der Postmoderne kann persönliche Moral leicht zu einer sozialen Konstruktion werden.
  2. Dementsprechend wird Evangelisation – im Sinne der Abwerbung von Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften verstanden – oft im umfassenderen kulturellen Kontext als tadelnswert an sich betrachtet.
  3. Menschen lassen sich wahrscheinlich leichter helfen, einen neuen Standpunkt zu übernehmen, wenn wir sorgfältig ausgearbeitete Argumentationen weglassen oder uns zumindest nicht darauf beschränken.
  4. Menschen der Postmoderne sind wahrscheinlich mit persönlichen Berichten zufrieden – d.h. damit, dass ihnen ihre Gesprächspartner die eigene Lebensgeschichte erzählen und ihnen erklären, wie sie die Dinge sehen.
  5. Selbst die Disziplinen der exakten Wissenschaft bleiben von der postmodernen Analyse nicht verschont.

Stärken der postmodernen Erkenntnistheorie

  1. Die Postmoderne hat nachhaltig die Achillesferse der modernen Erkenntnistheorie entlarvt: Die Endlichkeit des »Ich« bedeutet, dass der Weg zur Gewissheit in Bezug auf fast alle Dinge weitaus schwieriger ist, als viele Denker der Aufklärung angenommen haben.
  2. Die Postmoderne ist offen dafür, über nicht lineare und methodisch ungenaue Faktoren im menschlichen Erkenntnisprozess nachzudenken.
  3. Die Postmoderne ist sensibel gegenüber der kulturellen Vielfalt auf der Welt.
  4. Vor allem fordert die Postmoderne nachdrücklich, dass man die Auswirkungen der Endlichkeit in Bezug auf alle menschlichen Erkenntnisansprüche anerkennen muss.

Schwächen der postmodernen Erkenntnistheorie

  1. Perfektionismus: Entweder können wir Menschen einen Sachverhalt uneingeschränkt, vollkommen und vollständig – man könnte auch sagen: als Allwissende – erkennen, oder wir Menschen sind bestenfalls imstande, irgendetwas aus einer begrenzten Perspektive zu betrachten.
  2. Umsetzung sieht anders aus: Ungeachtet dessen, wie groß die Schwierigkeiten im Erkenntnisprozess und bei der Weitergabe von Sachverhalten an andere Menschen sind, werden dennoch viele Sachverhalte erkannt und wirksam weitergegeben.
  3. Umgang mit moralischen Fragen: Die radikalsten Postmodernen argumentieren, dass alle Unterscheidungen zwischen richtig und falsch nicht absolut zu setzen, sondern vielmehr soziale Konstruktionen sind.
  4. Verbindung von Absurdität und Anmassung:  Je mehr sie darauf besteht, dass alle theoretischen Haltungen soziale Konstruktionen sind und dass keinerlei theoretisches Gedankengebäude in irgendeiner notwendigen Beziehung zur objektiven Wahrheit steht, umso mehr untergräbt sie die Wahrhaftigkeit ihrer eigenen Konstruktion.
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