Buchbesprechung: Das Leben nach der Tugend

Alasdair Macintyre. Das Leben nach der Tugend. Campus Verlag: Frankfurt/New York 1987. 381 Seiten.

Dieses Buch besorgte ich mir in der Zentralbibliothek der Stadt Zürich. Das Äussere erschien nicht besonders attraktiv. Der graue Einband war abgenutzt, das Innere mit Bleistift verschrieben. Das vom schottischen Moralphilosophen Alasdair Macintyre (* 1929) verfasste Werk erschien im Original unter dem Titel „After Virtue. A Study in Moral Theory.“ (University of Notre Dame Press, 2. Auflage von 1984). Ich beziehe mich auf die deutsche Übersetzung von 1987. Das Werk hat sich einen festen Platz in der Moralphilosophie erobert.

Es gibt – vor allem in der englischen Sprache – schon eine ganze Reihe von Rezensionen. Ich beschränke mich in der vorliegenden Besprechung auf die Gegenwartsanalyse, die Macintyre vor allem im ersten Drittel vornimmt. Ich bin mir wohl bewusst, dass er auf weit über 200 Seiten an der Darstellung und Kontextualisierung der antiken Tugendethik arbeitet. Spannend wäre es auch gewesen, den Gebrauch Nietzsches im Werk zu analysieren. Der von mir gewählte Weg hängt mit der Überzeugung zusammen, dass die Analyse Gelehrter oft schärfer ausfällt als die von Christen. Die vorgeschlagene Lösung vermag dagegen aus biblischer Weltsicht nicht zu überzeugen. Die antike Moral war beispielsweise „in gewissem Mass immer an das sozial Lokale und Besondere gebunden“ (170). Für Homer war das Paradigma menschlicher Vortrefflichkeit der Krieger, für Aristoteles der vornehme Athener (244). In den Gedichten Homers ist Tugend „eine Eigenschaft, deren Ausdruck jemanden in die Lage versetzt, genau das zu tun, was seine exakt definierte soziale Rolle verlangt“ (246). Die eigene Lebensgeschichte und Identität wird aus der Gemeinschaft hergeleitet (294). So bleibt Moral immer kontextgebunden und wird nicht in der Vorsehung des Schöpfergottes gesehen. Ein anderes Beispiel: Was ist zu favorisieren, wenn die Tugend „Gerechtigkeit“ der biblischen Definition widerspricht?

MacIntyre beginnt mit einem beunruhigenden Gedankenexperiment. „Die Hypothese, die ich aufstellen möchte, lautet, dass in der Welt, in der wir heute leben, die Sprache der Moral“ verwahrlost sei. Wir besässen heute „nur noch Bruchstücke eines Begriffsschemas, Teile ohne Bezug zu jenem Kontext, der ihnen ihre Bedeutung verliehen hat“ (14). Das moralische Denken und Handeln sei verwahrlost. Dieser Kulturdiagnose von Niedergang und Verfall liegen, wie man schnell bemerken wird, Wertmassstäbe zugrunde. Wesen und Ausmass der Katastrophe werde von den Menschen gar nicht erkannt. Der Grund dafür sei in der akademischen Geschichtsschreibung zu suchen, die es zu ihrem Paradigma gemacht hatte, aus einer „wertneutralen Sicht“ zu schreiben (17). Dadurch musste die moralische Unordnung unsichtbar bleiben. Macintyre beurteilt den Zustand als so fortgeschritten, dass es „keine grossen Mittel mehr dagegen“ gebe (18). Moderne moralische Äusserungen sind demnach als unerkannte Bruchstücke einer älteren Vergangenheit zu verstehen. Die Probleme bleiben so lange unlösbar, bis eben dies erkannt wird (151).

„Das erstaunlichste an moralischen Äusserungen heute ist, dass sie oft dazu benutzt werden, Meinungsunterschiede auszudrücken; und das erstaunlichste an den Debatten, bei denen diese unterschiedlichen Äusserungen zum Ausdruck kommen, ist, dass sie endlos sind. … In unserer Kultur scheint es keinen vernünftigen Weg zu geben, eine moralische Übereinstimmung zu erzielen.“  (19) Rivalisierende Argumente können nicht zusammengebracht werden. Was fehlt, sind objektive Kriterien, die von den Vorlieben und Verhaltensweisen Einzelner unabhängig sind – „Normen wie Gerechtigkeit, Grosszügigkeit und Pflicht“ (23). Stattdessen treffen gegensätzliche Interessen aufeinander, wobei jedes Interesse durch willkürliche Wahlmöglichkeiten geprägt ist. Die Gesellschaft qualifiziert diese Wahlmöglichkeiten grosszügig und gleichermassen ungenau als Pluralismus. „Moralische Urteile sind als Ausdruck von Haltungen oder Gefühlen weder richtig noch falsch; und Übereinstimmung bei moralischen Urteilen lässt sich durch keine rationale Methode erreichen, da es keine gibt.“ (26) Es gibt jedoch gute Gründe dafür, zwischen „Äusserungen persönlicher Präferenzen und wertenden (auch moralischen) Äusserungen zu unterscheiden“ (28).  Für unsere Kultur jedoch wird das „offene Geltendmachen von Grundsätzen nur als Maske für das Ausdrücken persönlicher Vorlieben“ genutzt (35). Dieser sogenannte Emotivismus stützt sich auf die Behauptung, „dass jeder Versuch, vergangen oder gegenwärtig, eine rationale Rechtfertigung für eine objektive Ethik zu liefern, tatsächlich gescheitert ist“ (36). Versuche von Denkern wie Sartre oder Nietzsche, eine neue Moral zu begründen, führten bloss zur Bildung eines dunklen und verschwommenen Vokabulars (39).

Dieser Emotivismus löschte jede echte Unterscheidung zwischen manipulativen und nicht-manipulativen sozialen Beziehungen aus (41). Jeder benützt den anderen als Mittel für die eigenen Ziele. Das bedeutet, den Nächsten mit Gründen beliefern zu müssen, die dieser wiederum für gut erachtet. Gefühle und Haltungen des anderen sollen damit verändert werden. Diese versteckte Gesellschaftsordnung förderte vor allem zwei Berufsgattungen. Einmal den Manager, dessen Hauptaufgabe darin besteht, „die verfügbaren menschlichen und materiellen Ressourcen … so wirksam wie möglich“ auf die Ziele der Organisation hinzulenken (44). Die Untergebenen haben darum von Voraussetzungen auszugehen, die mit den wichtigen Schlüssen des Managers übereinstimmen (46). Der zweite Typus, der Therapeut, vertritt die Aufhebung der manipulativen und nicht-manipulativen sozialen Beziehungen im Bereich des persönlichen Lebens. Das emotivistische Selbst kann jeden beliebigen Standpunkt einnehmen. „Innere Konflikte finden für das Selbst notwendigerweise auf der Basis der Gegenüberstellung einer zufälligen Willkürlichkeit mit einer anderen statt“ (53). „Es ist der theatralische Erfolg, der in unserer Zivilisation Macht und Autorität verschafft. Der effektivste Bürokrat ist der effektivste Schauspieler.“ (148) Damit ist die soziale Welt zweigeteilt in den Bereich des Organisatorischen und des Persönlichen. „Und im kulturellen Klima dieses bürokratischen Individualismus ist das emotivistische Selbst ganz selbstverständlich zu Hause“ (56). Der Mensch steht heute in einer paradoxen Situation. „Jeder von uns sieht sich als moralisch autonom Handelnden; aber jeder von uns wird auch durch praktische, ästhetische oder bürokratische Verfahren in Anspruch genommen, die uns in manipulative Beziehungen zu anderen setzen.“ (97) „Es war das Verdienst Freuds zu entdecken, dass die Entlarvung der Willkür bei anderen immer eine Verteidigung dagegen sein kann, sie auch in uns selbst zu enthüllen.“ (101)

Macintyre geht davon aus, dass wir nicht Teilnehmer einer endlosen Moraldebatte, sondern Erben eines bestimmten Systems moralischer Überzeugungen sind (75). Woher nahmen die Aufklärer die gemeinsamen Überzeugungen? Sie lösten sie aus ihrer gemeinsamen christlichen Vergangenheit heraus. Sie wussten noch, wie eine rationale Rechtfertigung der Moral aussehen musste. Jenes System wiederum beruhte auf dem Lehrgebäude des Mittelalters, das sowohl klassische wie theistische Elemente enthielt. „Seine Grundstruktur ist die, die Aristoteles in der Nikomachischen Ethik analysierte. Innerhalb dieses theologischen Systems besteht ein fundamentaler Gegensatz zwischen dem Menschen, wie er ist und dem Menschen, wie er sein könnte, wenn er sein eigentliches Wesen erkennen würde. … Deshalb setzt die Ethik in dieser Sichtweise  die Berücksichtigung von Potentialität und Handeln voraus, … vor allem die Berücksichtigung des menschlichen Telos.“ (77) Der Mensch wird in drei Zuständen gesehen: Wie er ist und wie es sein könnte, wenn er sein Telos erkennt; drittens den Menschen unterwegs vom einen in den anderen (Ziel-)Zustand. „Jemandem zu sagen, was er tun sollte, bedeutet ihm zu ein und derselben Zeit zu sagen, welche Handlungsweise unter den gegeben Umständen eigentlich zum wahren Ziel des Menschen führt, und zu sagen, was das Gesetz vorschreibt, das von Gott gegeben und der Vernunft einsichtig ist. Moralische Sätze werden in diesem Rahmen gebraucht, um Behauptungen aufzustellen, die richtig oder falsch sind.“ (78) Die moralischen Beweisführungen  innerhalb der klassisch-aristotelischen Tradition „enthalten zumindest eine zentrale funktionale Vorstellung, nämlich die, dass der Mensch ein essentielles Wesen und einen essentiellen Zweck oder eine Funktion hat“ (84). Menschliches Handeln muss teleologisch erklärt werden, nämlich „unter Bezugnahme auf die Rangfolge der Güter, … die die Ziele menschlichen Handelns liefern.“ In dieser klassischen Sicht „schliessen Tatsachen über menschliches Handeln Tatsachen über das ein, was für die Menschen wertvoll ist (und nicht nur Tatsachen über das, was sie für wertvoll halten)“ (117). Die Aufklärung habe darum darin versagt,  „die Frage richtig zu stellen oder gar zu beantworten: Was für ein Mensch soll ich werden?“ (161)

Mit diesen Ausführungen ist das Terrain des Buches abgesteckt: Die These über den heutigen Zustand, eine Beschreibung des verlorenen gegangenen Tugendideals sowie Ausführungen, auf welchem Weg sich der Verlust abgespielt hat. Dem schliesst sich der Versuch an, den Weg zurück zu gehen. Als Christ pflichte ich ihm bei: Mit dem Verlust einer absoluten Ethik liefern wir uns der Willkür von Managern und Therapeuten aus!

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