Buchbesprechung: Welcher Christus? Welche Kultur?

Klaas Schilder. (Trans. G. van Rongen, W. Helder) Christ and Culture. Grand Rapids/Hamilton, 1977.

Klaas Schilder (1890-1952) war niederländischer Theologe in der Gereformeerde Kerken in Nederland (GKN). Er bekleidete verschiedene Pastorate, sein bedeutendstes ab 1928 in Rotterdam. 1933 promovierte er in Erlangen mit einer Arbeit über das Paradoxe bei Sören Kierkegaard und Karl Barth und wurde dann zum Dozenten für Systematische Theologie in Kampen gewählt. Schilder bemerkte früh die Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus und widerstand der Ideologie auch nach der deutschen Besetzung. Dafür wurde er 1940 verhaftet (und wieder frei gelassen). 1944 wurde er zudem von der Synode aus der GKN ausgeschlossen. Dies zog eine Kirchenspaltung nach sich. Schilder war bekannt für seine langen Predigten und sein unerschöpfliches Arbeiten. Er polarisierte durch seine Worte und gehörte nicht nur zu den Wortführern gegen Karl Barth. Auch den Führer der neocalvinistischen Bewegung, Abraham Kuyper, griff er immer wieder scharf an. Das wird auch im vorliegenden Buch  deutlich, das auf einem Aufsatz von 1932 basiert und 1948 in erweiterter Form erschien. Gerade deswegen gilt der neocalvinistische Denker der zweiten Generation als wichtiges Korrektiv zu Kuyper, aber auch als Gegengewicht zur Neoorthodoxie.  Ein grosser Teil seines Werkes ist (in niederländischer Sprache) online aufgeschaltet.  Jochen Douma hat Schilders Standpunkt gegenüber der Lehre von der Allgemeinen Gnade in seiner Dissertation („Algemene genade: Uiteenzetting, vergelijking en beoordeling van de opvattingen van A. Kuyper, K. Schilder en Joh. Calvijn over „algemene genade“) ausführlich begutachtet.

Schilder lehnte den Begriff „Allgemeine Gnade“ rundweg ab. In Abschnitt 18 schreibt er: „Wer immer das Zurückhalten des Fluches ‚Gnade‘ nennt, sollte zumindest auch das Zurückhalten des Segens als ‚Gericht‘ bezeichnen.“ Inhaltlich war Schilder jedoch nicht so weit von Kuyper weg, denn er entwickelte seine eigene Kulturtheorie. Folgen wir ihm in der Entwicklung dieses Rahmens. Vorab stellt er klar: Kein Christ kommt um die Begegnung mit Kultur herum (1.). Die Frage ist vielmehr: Was ist unter den Begriffen „Christus“ und „Kultur“ zu verstehen? Unter wie vielen Gesichtspunkten wollen Menschen den Christus verstanden haben! Dabei gibt Schilder mit Recht zu bedenken, dass die Evangelien keine üblichen Biografien darstellen (7.). Es geht vielmehr um den Auftrag und das Amt, mit dem ihn Gott der Vater betraut hatte. Jesus ist auch kein Kulturtheoretiker. Gold, Weihrauch und Myrrhe können beispielsweise nicht als Beweis genommen werden, dass Jesus nichts gegen Reichtum hatte (9.). Jesus heilte zwar sporadisch Leprakranke, er hat jedoch keine Leprahäuser ins Leben gerufen. „Aber er lehrte, predigte, hielt seine Bibel in der Hand und seine Jünger an der Hand.“ (10.) „Jesus“ beschreibt die Essenz, „Christus“ die Legitimation seines Wirkens (11.)

Eine nicht minder grosse Diskrepanz besteht zwischen im unterschiedlichen Verständnis von Christen zu der ihr umgebenden Kultur. Der Imperialismus der mittelalterlichen Kirche stehen Gruppen und Bewegungen von asketischen, zurückgezogenen, scheuen Christen gegenüber (6.). Für Schilder steht fest, dass dem Menschen eine wichtige Rolle als Gottes Mitarbeiter („fellow-worker“, vgl. 1Kor 3,9) zukommt (13./16.). Er betont den Zustand des Menschen vor dem Sündenfall. Dort sieht er bereits das gesamte Potenzial seiner Entwicklung angesiedelt. Er argumentiert heilsgeschichtlich: Christus erschien in der „Mitte der Geschichte“ als zweiter Adam, um die Möglichkeit dieses Dienstes wiederherzustellen. Dies ist der entscheidende Moment („turning-point“) der Geschichte. Nur durch die in ihm gewirkte Versöhnung ist der Mensch in der Lage, seinen ursprünglich von Gott beabsichtigten Dienst auszuüben (14.). Während Jesus die Seinen als Arbeits- und Amtsgemeinschaft zur kultur-bildenden Dienst ausrüstet, lässt er parallel die „Weintrauben“ zum Gericht reifen. Jesus ist damit Erfüller, Erlöser und Erneuerer der Kultur. Wenn sich der Mensch jedoch selbst zu diesem Mittelpunkt macht, nimmt er unberechtigterweise diesen Platz ein und betreibt damit einen Personen-Kult.

In Abschnitt 16 liefert Schilder eine komplizierte halbseitige Definition von Kultur. Ein interessanter Aspekt davon ist die Beschreibung der Desintegration durch den Sündenfall: Der Mensch kann die Einzeldinge nicht mehr mit dem Gesamten in Einklang halten. Dadurch werden Unterschiede zu Gegensätzen (17.). Was Abraham Kuyper als „Gnade“ (gratie) bezeichnet, subsummiert Schilder unter dem Begriff „Natur“. Für ihn ist entscheidend, dass Kulturaktivität nach dem Sündenfall selbst- und nicht mehr Gott-gerichtet ist. Er betont den Fluch, unter dem nicht versöhnte Menschen „lebend-tot“ ihre Zeit verbringen – und dabei essen, trinken und Kinder bekommen (18.).

Aufgrund dieser Analyse leitet Schilder ab, dass Paulus als einfacher Zeltmacher Kulturschaffender im obigen Sinne war – im Gegensatz zum römischen Kaiser mit all seinen Künstlern und Architekten. Paulus vereinigte als Christ Religion wieder mit Kultur und nahm durch die Rückkehr zum Wort Gottes heilenden Einfluss auf sie (19.). So komme einer christlichen Familie oder einem christlichen Arbeiter weit mehr Wert zu als einer gesamten wissenschaftlichen Institution ohne Gott. Es gebe also nur eine Natur, aber ein zweifacher Gebrauch. Kulturelle „koinonia“ (Gemeinschaft) entsteht erst durch den Glauben. Das Zusammenwirken mit Nichtchristen bezeichnet Schilder als „sunousia“ (Zusammensein) im Sinne von Jesu Gleichnis: Unkraut und Weizen wachsen zusammen bis zur Ernte. Allerdings, so ergänzt er, tragen Ungläubige als „Kandidaten des Todes“ trotzdem ihren Teil zur kulturellen Arbeit bei. Das habe damit zu tun, dass Satan noch nicht freigelassen worden sei. Allerdings würden die „Überreste der ursprünglichen Gaben“ kleiner und kleiner (20.). Die Originalkonstruktion ging verloren, es existieren nur noch Fragmente. Schilder nennt als Beispiel dafür das Kino.

N. H. Gootjes Aufsatz „Schilder on Christ and Culture“ (in: J. Geertsema (Ed.). Always Obedient. Essays on the Teachings of Dr. Klaas Schilder. P & R: Phillipsburg, 1995:35-64) war mir eine grosse Hilfe zum besseren Verständnis dieser Abschnitte. Er nennt vier wesentliche Bestandteile von Schilders Kulturbegiff:

  1. Kultur ist die Gesamtheit der Arbeit, die in dieser Welt zu vollbringen ist.
  2. Das Kulturmandat beinhaltet die Aufgabe, dass diese Welt entwickelt werden muss – vom Garten zu einer Stadt.
  3. Dies ist die Aufgabe der gesamten Menschheit. Durch den Ungehorsam der Menschen wird jedoch ein grosser Teil dieser Arbeit zerstört.
  4. Es geht jedoch darum, dass alles Wirken zur Ehre Gottes geschieht.

Gootjes stellt zudem vier wichtige Unterschiede zu Abraham Kuyper fest:

  1. Der wesentlichste besteht darin, dass bei Kuyper Jesus der Retter der Kultur ist, während Schilder ihn als Retter des Menschen vorstellt.
  2. Schilder setzt beim Zustand im Paradies an, Kuyper bei der Welt im gefallenen Zustand.
  3. Bei Kuyper gibt es keine christliche Kultur, während Schilder eben beim Christen ansetzt. Christus erneuert die Menschen, damit sie der ursprünglichen Aufgabe nachkommen können.
  4. Kultur ist bei Kuyper die Folge der Allgemeinen Gnade. Er betont das Resultat, während Schilder  mit dem Begriff „Mandat“ beim Erarbeiten ansetzt.

Welchen Nutzen ziehe ich aus diesem Buch? Ich schätze zuerst einmal den mutigen Imperativ Schilders: Für die Entwicklung einer Kulturtheologie brauchen wir nicht ängstlich auf die grossen Vordenker zu blicken und die „Brotkrumen“ der nicht-christlichen Kulturtheoretiker aufzuheben. Ebenso war ich erfrischt durch die Klarstellung der Absicht der vier Evangelien. Uns geht es 70 Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches nicht anders: Was wird alles aus den Berichten herausgelesen! Für was muss Jesus alles herhalten! Mir scheint es zuweilen, als ob das Ideal unserer (Sub-)Kultur in ihn hineinprojiziert würde.

Mehr Mühe bekundete ich hingegen mit der heilsgeschichtlich begründeten Kulturtheorie Schilders. Er betont dabei stark den Originalzustand des Menschen. Ein erlöster Mensch ist nicht in erster Linie ein Kultur-Schaffender, sondern „Erstlingsfrucht“ der neuen Schöpfung. Ebenso sehe ich einen Widerspruch zwischen der Ablehnung des Begriffs der Allgemeinen Gnade und der scharfen Trennung zwischen Kulturbildung von Christen und Nichtchristen. (Diese Trennung kann er selbst nicht durchhalten. Er muss zumindest zugeben, dass Nichtchristen ihren Teil zur Bildung der Kultur beitragen.) Auf meiner Nase sitzt eine superleichte Brille; ich benütze täglich Züge ausgerüstet mit Spitzentechnologie, trage atmungsaktive Textilien und verwende Smartphone und Laptop. Diese Produkte sind fast ausschliesslich Erzeugnisse aus den Händen von Nichtchristen. Ich frage mich, ob in dieser Hinsicht einfach mit der soteriologischen Trennung (Weizen und Unkraut) gesprochen werden darf.

Ich befürworte vielmehr eine Trennung in zwei Kategorien und bin der Meinung, dass die Unterscheidung zwischen Gottes bewahrendem Wirken in seiner Schöpfung und seinem gnädigen Heilswirken durch die Erlösung in Christus nötig ist. Allerdings, so mahnt Schilder zu Recht, darf es nicht geschehen, dass ersteres mit zweitem verwechselt wird. Genau hier sehe ich einen grossen Schwachpunkt unter Evangelikalen: Was nützt mir – beispielsweise – eine Traupredigt, in der gute Ratschläge für Kommunikation weitergegeben werden, jedoch nur am Rande auf Gottes rettende Gnade für die Eheleute hingewiesen wird? Was bringen Arbeitseinsätze von christlichen Gemeinden, die bloss die Unterhaltungsprogramme der Umgebung kopieren, anstatt klipp und klar auf die Erlösung in Christus hinzuweisen? Was nützen christlich-soziale Institutionen, in denen die Errettung aller Menschen gelehrt wird? Wir stehen als Christen tatsächlich in der Gefahr, Gottes allgemeines Werk in der Schöpfung und sein erlösendes Werk nicht in unserem Bekenntnis, aber in unserem Handeln zu verwechseln. Aus diesem Grund bin ich skeptisch geworden gegenüber dem Begriff „Allgemeine Gnade“. Eine wirklich gute Alternative fehlt mir allerdings noch (ähnlich wie beim Wort „Erbsünde“). Eine radikale Trennung zwischen christlicher und nicht-christlicher Kultur im Sinne Schilders würde wiederum eine unglückliche Trennung fördern.