Buchbesprechung: Endlich auf dem Markt – ein philosophisch-analytisches Werk gegen Konstruktivismus und Relativismus

Paul A. Boghossian. Fear of Knowledge: Against Relativism and Constructivism. Oxford University Press 2007. Neue deutsche Übersetzung: Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. suhrkamp: Berlin, 2013. 14 Euro (Buch oder Kindle).

Mit Respekt näherte ich mich einer philosophischen Abhandlung. Obwohl ich mit der Versicherung des Autors gestartet bin, dass er das Buch für ein breites Publikum geschrieben habe, bekundete ich etwelche Mühe mir die Argumente geläufig zu machen. Dieser Sachverhalt deutet darauf hin, dass ich im Alltag die Argumente nicht in dieser Tiefe bedacht hatte. Diese Anfangshürde, kombiniert mit der Aktualität des Themas, liess mich dreimal an den gleichen Text herangehen. Der Konstruktivismus ist in meinem beruflichen Fachgebiet der Erwachsenenbildung so verbreitet, wie eine gründliche Auseinandersetzung selten vorkommt. Umso dankbarer bin ich dem Philosophen der New York University, Paul Boghossian, dass er sich der Thematik angenommen hat. So stark sich der soziale Konstruktivismus innerhalb der Sozialwissenschaften etabliert hat, so wenig Beachtung fand er bislang in der angelsächsisch-analytischen Philosophie. Boghossian gab zu, dass er den Aufwand für die Ausarbeitung stark unterschätzt hatte.

Wie kommt es, dass sich – um ein Beispiel aus der Einleitung des Buches aufzugreifen – US-amerikanische Archäologen zwischen dem Schöpfungsmythos der Zuni Indianer und dem wissenschaftlichen Konsens über die Entstehung der Welt hin- und her gerissen fühlen? Diesem Zögern liegt die Auffassung zugrunde, dass es viele gleich valide Wege gebe, um zu Erkenntnis zu gelangen. Jede dieser Anschauungen sei an ihren spezifischen Kontext gebunden. Der Wissenschaft der sogenannten Ersten Welt dürfe kein Vorrang eingeräumt werden. Dieser Deutungsrahmen hat bereits den Status der Orthodoxie, sprich der wissenschaftlichen Rechtgläubigkeit, erlangt.

Wissen wird also nicht länger als neutrale Reflexion einer unabhängig existierenden Wirklichkeit angesehen. Jegliche Erkenntnis wird innerhalb eines sozialen und materialen Gefüges hervorgebracht. Boghossian unterscheidet drei zentrale Argumente: Konstruktivismus bezüglich der Wahrheit (Fakten), bezüglich der Rechtfertigung (justification) sowie der Rolle der sozialen Faktoren. Jede Überzeugung (belief) weist demnach a) einen propositionellen Inhalt auf, der b) als wahr oder falsch beurteilt und c) ebenso gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt werden kann. Der soziale Konstruktivismus geht davon aus, dass a) der Inhalt durch eine Person zu einer bestimmten Zeit aktiv hervorgebracht wird, b) von den Rahmenbedingungen her notwendigerweise durch diese Person hervorgebracht werden musste und c) auf eine Art und Weise hervorgebracht wurde, die den jeweiligen Bedürfnissen und Interessen des Personenkreises entsprach. Dies steht im Gegensatz zum klassischen Bild über Wissenserwerb: Dieser ging zwar davon aus, dass politische und soziale Überzeugungen beeinflussen können, manche Fakten jedoch unabhängig davon blieben. Ebenso entsteht die Evidenz für die Faktenlage unabhängig vom sozialen Gefüge wie auch von den entsprechenden sozialen Werten und Interessen.

Boghossian setzt sich denn im Buch mit den drei Arten des Konstruktivismus auseinander: dem Fakten-Konstruktivismus (Kapitel 3+4), dem Konstruktivismus bezüglich Rechtfertigung (Kapitel 5-7) und dem Konstruktivismus bezüglich rationaler Erklärung (Kapitel 8).

Der Fakten-Konstruktivismus zeigt sich am einflussreichsten, obwohl er den radikalsten Anspruch beinhaltet und der menschlichen Intuition am meisten entgegen läuft. Nach dieser Anschauung gibt es keine vom menschlichen Geist unabhängigen Fakten. Das offensichtlichste Problem, dem sich der Autor widmet, besteht darin, dass manche Fakten schon vor dem Menschen bestanden und nicht erst durch seine Konstruktion ins Dasein gerufen wurden (Problem der Verursachung). Zudem sind manche Objekte Bestandteile eben jener Wesen, die sie konstruierten (Problem der konzeptionellen Inkohärenz). Wie kann ihre Existenz dann von der Person abhängen? Drittens stellt sich das Problem der mangelnden Übereinstimmung: Wenn die sozialen Interessen anders gelagert gewesen wären, hätte sich auch das Faktum mit verändert.

Oft wird der Fakten-K. mit folgendem Argument verknüpft: Es gebe keine von der menschlichen Beschreibung unabhängige Wirklichkeit. Diese Beschreibung entspräche stets den Bedürfnissen und Interessen der sie konstruierenden sozialen Wesen. Boghossian entwickelt ein wichtiges Gegenargument: Es ist eine Sache, dass die Beschreibung nicht in erster Linie in Korrespondenz zur Sache selbst geschehe, sondern von Bedürfnissen und Interessen geleitet wird. Eine komplett andere Behauptung besteht jedoch darin, dass keine vom menschlichen Geist unabhängigen Fakten existierten. Beide Argumente gilt es auseinander zu halten.

Boghossian beschreibt den Fall des moralischen Relativismus als Beispiel des relativistischen Konstruktivismus. Er setzt sich aus dem moralischen Non-Absolutismus („es gibt keine absolute moralische Fakten, die absolute moralische Urteile bestätigen“), dem moralischen Relationalismus („gemäss dem moralischen Deutungsrahmen von X war es falsch zu stehlen“) und dem moralischen Pluralismus („es gibt viele alternative moralische Deutungsrahmen, jedoch keine Fakten, die einen als korrekter als den anderen bezeichnen“) zusammen. Der traditionelle Einwand gegen dieses Argument lautet: Jede relativistische These setzt zumindest etwas absolute Wahrheit voraus. Entweder setzt der Betreffende seine eigene Sicht absolut. Oder aber er definiert sie als relativ wahr im Vergleich zu einer anderen Theorie. Die einzigen absoluten Fakten wären demnach diejenigen der eigenen Überzeugung.

In der Widerlegung des epistemologischen Relativismus setzt Boghossian bei einem logischen Widerspruch an: Es mache keine Sinn, spezifische Urteile (particular judgements) einer Rechtfertigung zu unterbinden, dabei aber generelle Urteile, welche Argumente was rechtfertigen, zuzulassen. Der Pluralismus postuliert, dass es verschiedene epistemologische Systeme gibt, von denen keinen einen Vorrang einzuräumen sei. Das führt jedoch, wie Bossoghian im 7. Kapitel ausführt, zu der paradoxen Situation, dass bezüglich sichtbaren Situationen die Optionen von „glauben“ und „nicht-glauben“ gleich valide nebeneinander stehen.

Bezüglich der sozialen Interessen wird  zwischen einer starken Version (eine korrekte Erklärung ist exklusiv von den sozialen Interessen abhängig) und einer abgeschwächten (soziale Interessen tragen zur Erklärung bei)unterschieden. Wer beispielsweise die Überzeugung trägt, mit einer bestimmten Diät an Gewicht abzunehmen, wird trotz der eigenen Theorie zunehmen.

Schon bei der Ausformulierung dieser Zeilen bemerkte ich, wie wichtig ein präziser Gebrauch von Begriffen ist. Darin liegt eine Stärke der analytischen Philosophie und damit dieses Buches. Ebenso hilfreich waren die Beispiele, anhand derer die Thesen entfaltet wurden. Ein dritter Nutzen des Buches liegt in seiner Kürze. Ich empfehle es Buch allen Studenten der Geisteswissenschaften, insbesondere auch der Pädagogik. Es trägt dazu bei, die Selbstwidersprüchlichkeit des Konstruktivismus zu Tage zu fördern. (Gott sei Dank bleibt diese Denkhaltung ja ein alltags-untaugliches Konstrukt!) Darüber hinaus glaube ich, dass der Untertitel den Kern der Sache trifft: Der Mensch hat Angst vor der Wahrheit und sucht darum nach Möglichkeiten, ihr auszuweichen.