Verschiedene Sichtweisen zum Thema „Heiligung“

In einer Diskussion bin ich auf verschiedene Sichtweisen zum Thema „Heiligung“ zu sprechen gekommen. „Five Views on Sanctification“ (eine Online-Version von 1987 habe ich hier gefunden) charakterisiert die Modelle anhand von folgenden Fragen:

  1. Wann beginnt die Heiligung?
  2. Was wirkt Gott?
  3. Worin besteht die Verantwortung des Menschen?
  4. Was sind die Auswirkungen (effects) der Heiligung?
  5. In welchem Ausmass (extent) geschieht die Heiligung?

Hier geht es zu einer Zusammenstellung der verschiedenen Modelle.

Persönlich gehe ich vom zweiten (reformatorischen) Modell aus. Das dafür entscheidende Argument stammt meines Erachtens von Luther: „simul iustus et peccator“ (hier geht es zu seiner schönen Zusammenfassung). Wir sind gerechtfertigte Sünder. Unsere Gerechtigkeit ist extra nos (d. h. sie stammt ganz von ausserhalb). Dies gilt für unsere Errettung und für das einsetzende Werk der Heiligung gleichermassen.

Luthers Satz gehört in den Zusammenhang der Lehre von der ‚Anrechnung‘ der Gerechtigkeit Christi. Diese Gerechtigkeit Christi, sagt Luther, dürfe man nun nicht so verstehen, dass sie uns auf der Grundlage unserer Werke angerechnet werde. Die Gerechtigkeit Christi sei nämlich eine, die ‚außerhalb unsrer selbst‘ ist (extra nos), und sie sei eine ‚uns fremde‘ (aliena nobis) Gerechtigkeit. Weil sie nicht unsere eigene und uns fremd ist, kann sie also nur im Glauben ergriffen werden. Wenn wir also davon reden, dass wir ‚heilig‘ oder ‚gerecht‘ sind, dann nach reformatorischer Lehre nicht deswegen, weil wir selbst heilig oder gerecht sind, sondern deswegen, weil Jesus heilig und gerecht war und uns ’seine‘ Gerechtigkeit angerechnet und zuerkannt wird. (VD: AW)

Calvin formuliert den Zusammenhang zwischen Glauben und Heiligung so:

Der Glaube erfasst Christus, wie er uns vom Vater gegeben ist; er wird uns aber nicht allein zur Gerechtigkeit, zur Vergebung der Sünden und zum Frieden dargegeben, sondern auch zur Heiligung und als Quelle lebendigen Wassers: der Glaube kann ihn also ohne Zweifel niemals recht erkennen, ohne zugleich die Heiligung des Geistes mit zu ergreifen. Will einer das noch deutlicher hören, so will ich so sagen: Der Glaube ruht auf der Erkenntnis Christi. Christus aber kann man nur zusammen mit der Heiligung seines Geistes erkennen. (Institutio, 3,2,8; VD: RK)

In der Facebook-Gruppe von Evangelium 21 hat sich eine rege Debatte entwickelt.