Buchbesprechung: Die Trinität und eine gesamtheitliche Lebens- und Weltsicht

Thomas K. Johnson. What Difference Does the Trinity Make? VKW: Bonn, 2009. 80 Seiten. Freier Download.

Welches ist die am meisten vernachlässigte christliche Lehre? Ich behaupte: Es ist die der Trinität. Dies sage ich als reformierter Theologe, der sich intensiv mit Herman Bavinck (1854-1921) beschäftigt hat. Die Trinität ist das Herzstück seiner vierbändigen reformierten Dogmatik: „Der christliche Verstand (mind) bleibt unbefriedigt, solange die gesamte Existenz nicht auf den dreieinen Gott zurückgeführt worden ist und das Bekenntnis von Gottes Dreieinheit als Zentrum unserer Gedanken und  unseres Lebens dient.“ (Reformed Dogmatics. Vol. 2. S. 330) Wer mir einen ersten Zugang zur Thematik verschaffte, war jedoch nicht Bavinck, sondern Thomas K. Johnson. Sein 80-seitiges Buch war mir ein Augenöffner. Nicht nur erkannte ich die zahlreichen Verbindungen der Lehre zu meinem Alltag. Ich erstellte auf der Basis dieses Werks vor etlichen Jahren Unterlagen für einen Jahresstart-Kurs in unserer Gemeinde unter dem Motto „Einen ausgewogenen trinitarischen Glauben leben“.

Wer steckt hinter diesem Buch? Thomas K. Johnson (* 1954) hat u. a. am Covenant Theological Seminary, an der University von Iowa (USA) und an der Theol. Fakultät von Tübingen (D) evangelische Theologie studiert und im Fachbereich Ethik promoviert. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Grundfragen der Dogmatik, insbesondere mit dem Verhältnis von Evangelium und Kultur sowie der Apologetik. Seit knapp 20 Jahren lebt er in Prag. Johnson verfügt über eine reiche Erfahrung als Professor an säkularen und christlichen Universitäten u. a. im ehemaligen Ostblock. Da Johnson mein Doktorvater ist, kann ich aus persönlicher Erfahrung hinzufügen: Er kombiniert sein feines Gespür für gesellschaftliche und theologische Zusammenhänge mit einem Hirtenherz. So spricht er im „Vorwort“ vom eigenen Leben und just jener geistlichen Verirrung, die direkt mit einer unausgewogenen Sicht der Trinität zu tun hatte (S. 8-9). Das Buch ist Teil einer Serie der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Das Material stellt eine grosse Hilfe zum Entdecken von Unausgewogenheiten dar, für welche die rasch wachsende weltweiten Gemeinde anfällig ist (siehe dieses Interview).

Die Struktur des Buches gibt das aus drei Teilen bestehende trinitarische Apostolische Glaubensbekenntnis vor. Nachdem Johnson im einleitenden Teil drei lehrmässige Verirrungen der frühen christlichen Kirche beschrieben hat – alle hängen mit dem Verständnis der Trinität zusammen und werfen ihre Schatten bis heute (siehe dieser Post) -, geht er den drei Teilen des Bekenntnisses bzw. den drei Personen der Gottheit entlang. Er entfaltet auf engem Raum jeweils acht Aspekte von Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist und zeigt deren direkte Verbindung mit dem menschlichen Leben auf. Dabei trifft er sorgfältig die Unterscheidung zwischen dem nicht erlösten und dem erlösten Menschen, indem er das doppelte Werk Gottes des dreieinen Gottes berücksichtigt. Diese Sicht fehlt meines Erachtens in weiten Teilen der evangelikalen Welt. Nähere Ausführungen dazu finden sich in diesem Aufsatz von Johnson.

Entsprechend leicht fällt es mir, die Umsetzung des Buches beispielhaft aufzuzeigen. Ich nenne je ein Beispiel für die drei Teile:

  • Gott der Vater: Alle Menschen sind im Bild Gottes geschaffen (Gen 1,26-28). Also verdienen unsere Nächsten Respekt und Sorge. Diese Begründung steht zuvorderst in der Frage, warum es wichtig ist, dass wir in der Familie respektvoll miteinander umgehen. (Das gleiche gilt in der Gemeinde oder am Arbeitsplatz.)
  • Gott der Sohn: Jesus verändert unsere Prioritäten (Kol 3,1-2). Welche Verschiebungen meiner Prioritäten sind erkennbar?
  • Gott der Heilige Geist: Der Heilige Geist ist untrennbar mit der Schrift verbunden. Er ersetzt nicht die Landkarte, sondern ist Führer, der uns im Lesen der Landkarte anleitet. Lese ich die Bibel fortlaufend?

Darüber hinaus können wir uns fragen: Welche Person der Gottheit spielt in unserem Leben als Familien und Gemeinden ein kümmerliches Dasein? Diese Optik mag die einen befremden. Doch worum geht es letztlich? Dass unser Denken und damit auch unser Handeln verändert werden kann.

Wer sich einer solchen Analyse unterziehen möchte, dem empfehle ich das Buch. Es bietet sich zudem an, das Buch als Ehepaar oder Ältestenkreis der Gemeinde zu studieren. Es empfiehlt sich, die angeführten Bibelstellen genau nachzulesen, insbesondere auch die Liste von Stellen, in denen die drei Personen der Gottheit in einem Atemzug genannt werden. Wer sich einen noch geraffteren Einblick verschaffen möchte, den verweise ich auf Johnsons Aufsatz „The Trinity in the Bible and Selected Creeds of the Church: Resources for Study“.

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