Buchbesprechung: Ein Panorama der westlichen Ideengeschichte

Richard Tarnas Das Wissen des Abendlandes. Das europäische Weltbild von der Antike bis zur Moderne. Albatros: Düsseldorf, 2006. 671 Seiten. 10,90 Euro (gebraucht schon ab 0,65 Euro!)

Das nennt man viel Buch für wenig Geld. Es geht eher um die Zeit, um 600 Seiten zu verdauen. Ich benötigte über 30 Stunden hierfür. Das Buch habe ich über einen längeren Zeitraum gelesen und die einzelnen Teile mehrmals repetiert.

Seit langem schon scheint mir die Kulturgeschichte des Westens, die Kraft, das Ausmass und die Schönheit eines grossen Dramas zu besitzen; das antike klassische Griechenland, das hellenistische Zeitalter und das römische Imperium, das Judentum und der Aufstieg des Christentums, die katholische Kirche und das Mittelalter, Renaissance, Reformation und wissenschaftliche Revolution, Aufklärung und Romantik bis mitten hinein in unsere eigene unsere eigene herausforderungsreiche Zeit. (X)

So schreibt Richard Tarnas, Philosoph, Psychologe und Historiker, über die die Ideengeschichte des Westens, deren grosse Linien er aufzuzeigen unternommen hat.

Jede Generation muss die Ideen, die ihr Verständnis der Welt geprägt haben, von ihrem je eigenen Standpunkt aus prüfen und neu durchdenken. (XI)

Bei dieser riesigen Arbeit habe ihn seine Frau mit ihrem „genau redigierenden Blick, bohrenden Fragen und sensiblen Urteil“ ausserordentlich beeinflusst. (647)

Tarnas beginnt bei den Griechen, über deren Blütezeit er folgendes schreibt:

Die moderne Wissenschaft, die mittelalterliche Theologie und der klassische Humanismus – sie alle stehen tief in ihrer Schuld. Das griechische Denken war ebenso grundlegend für Kopernikus und Kepler, für Augustinus und Thomas von Aquin wie für Cicero und Petrarca. (2)

Besonders eindrücklich war für mich die Beschreibung der antiken Pragmatiker und Skeptiker, den Sophisten:

Sophisten … sahen im Menschen das Mass aller Dinge. Die individuellen Urteile des Einzelnen über das alltägliche Leben sollten die Grundlage der persönlichen Vorstellungen und Lebensführung bilden… Wahrheit war relativ, nicht absolut, und veränderte sich von Kultur zu Kultur, von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation. Behauptungen des Gegenteils, ob religiös oder philosophisch, hielten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Der Wert jeder Überzeugung oder jeder Meinung liess sich letztlich nur an ihrem praktischen Nutzen messen, daran, inwieweit eine bestimmte Auffassung dem Einzelnen die Befriedigung seiner Bedürfnisse im Leben ermöglichte. (35-36)

Paradoxerweise verlor der Mensch genau in dieser Zeit an Bedeutung (38-39). Besonders die Schwächeren in der Gesellschaft gerieten unter die Räder (39).

Im zweiten Teil beschreibt Tarnas das christliche Weltbild. Hier ist die Aussensicht eines nicht gläubigen Menschen interessant zu lesen, z. B. hier:

Das Christentum bot den Menschen ein universales Zuhause, eine dauerhafte Gemeinschaft und einen eindeutig definierten Lebensstil, und all dies mit einer schriftlichen und institutionellen Garantie von kosmischem Ausmass. (138)

Wie Tarnas später schreibt, steckte im Christentum „ein bedeutsamer religiöser Impuls für das wissenschaftliche Projekt. Es hing nicht allein vom aktiven Verantwortungsgefühl des Menschen gegenüber dieser Welt ab, sondern auch vom Glauben an die Wirklichkeit dieser Welt, an ihre Ordnung und – zu Beginn der modernen Wissenschaft – an ihre direkte Verknüpfung mit einem allmächtigen und unendlich weisen Schöpfer.“ (376-377)

Mit grosser Neugier las ich auch das Kapitel zur Reformation. Über das Gottes- und Menschenbild merkt Tarnas an:

Er sah – verglichen mit dem allmächtigen und transzendenten Gott, als dem ganz Anderen – den Menschen als gefallenes, hilfsbedürftiges, für die Verdammung oder die Erlösung bestimmtes, völlig von der Gnade Gottes abhängiges Geschöpf. Thomas von Aquin hatte die Teilhabe jedes Geschöpfes am unendlichen und freien Wesen Gottes postuliert und auf der gottgewollten Autonomie der menschlichen Natur bestanden. Die Reformatoren hingegen nahmen – angesichts der angeborenen Sündhaftigkeit, die den unabhängigen Willen des Menschen von Natur aus verdarb – die absolute Souveränität Gottes über sine Schöpfung in einem zwiespältigeren Licht wahr. Während der Protestantismus optimistisch war in Bezug auf Gott, als gnädigen Erretter der Auserwählten, war er kompromisslos pessimistisch im Hinblick auf den Menschen, die ‚wimmelnde Herde von Schändlichkeiten’, wie Calvin sich ausdrückte. (299-300)

Am meisten Gewinn lag für mich in den Seiten 350 – 500, wo Tarnas den Wandel zur Moderne bzw. Postmoderne nachzeichnet. Francis Bacon setzte das Wissen „mit Macht gleich. Der praktische Nutzen des Wissens wurde zum eigentlichen Massstab seiner Gültigkeit. … Die wahre Basis des Wissens war die natürliche Welt, beziehungsweise die Information, die die menschlichen Sinne zur Verfügung stellten.“ (342) Descartes, „bedrängt von einer verwirrenden Vielzahl offener Fragen, die seine Ausbildung in ihm zurückgelassen hatte“, machte sich auf die Suche „nach einer unbestreitbaren Grundlage für sichere Erkenntnis“.  „Die cartesianische Revolution der Philosophie bestand in dem Zusammenschluss von Skeptizismus und Mathematik. Das dritte Element dieser Revolution war die absolute Gewissheit des individuellen Selbstbewusstseins“ (347-348).

Am hilfreichsten waren die Charakterisierung einzelner Denker und Themen wie

  • Rousseau: „Rousseaus Konzeption einer Religion, deren Wesen umfassend universal statt abgrenzend und ausschliessend war, die ihre Grundlage in der Natur,  in den subjektiven Gefühlen und mystischen Intuitionen des Menschen statt in der biblischen Offenbarung sah, stand am Anfang einer spirituellen Strömung innerhalb der westlichen Kultur. Diese mündete zunächst in die Romantik und schliesslich – zwei Jahrhunderte später – in den Existenzialismus“ (395).
  • Erbsünde: „Bereits im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wurde der schwere Makel der Erbsünde von denen, die in die helle Welt des modernen Fortschritts geboren wurden, nicht mehr als ein dominantes Element ihres Lebens erfahren.¨… Der moderne Mensch hatte sich für die diesseitige Welt entschiedenen, mit allen Konsequenzen, die eine solche Wahl nach sich zog.“ (398+400)
  • Fortschrittsglaube: „Die vielleicht wirkungsmächtigste … Komponente, die das moderne Weltbild stillschweigend übernahm, war der Glaube an einen linearen historischen Fortschritt, der den Menschen seiner Erfüllung immer näher brachte. … Der religiöse Glaube an die Errettung der Menschheit durch Gott … artikulierte sich jetzt als evolutionäres Vertrauen oder revolutionärer Glauben an ein kommendes diesseitiges Utopia.“ (405)
  • Veränderung des Menschenbildes: Das neue Universum ist ein abgeschlossener Mechanismus aus Kraft und Materie, bar jeglicher Ziele der Zwecke (411), der Mensch ein Experiment der Natur mit ungewissem Ausgang (412). Er ist gezwungen in einem ewigen Kampf mit seiner eigenen Natur zu leben (414). Er musst seine eigene relative Unerheblichkeit in Raum und Zeit zur Kenntnis nehmen (417). Das Bewusstsein selbst wurde zu einer Äusserung der Materie, einer Sekretion des Gehirns (418).  „Wenn der Mensch in einem unpersönlichen Universum lebte und seine Existenz ausschliesslich in diesem Universum begründet lag, dann war auch der Menschen seinem Wesen nach unpersönlich: Seine private Erfahrung als individuelle Persönlichkeit war eine psychische Fiktion.“ (419)
  • David Hume: „Für Hume war der menschliche Geist nicht nur alles andere als vollkommen, er konnte auch niemals für sich beanspruchen, Zugang zu einer Weltordnung zu haben, von der sich nicht einmal feststellen liess, ob sie unabhängig vom Geist überhaupt existierte.“ (429)
  • Immanuel Kant: „Was der Mensch erfuhr, war eine immer schon von seinem eigenen Wissen geformte Welt.“ (433) „Er erfuhr seine Beobachtungen immer schon in einem Kontext, in dem Ursache und Wirkung schon vorausgesetzt waren.“ (434) „Der Mensch konnte die Dinge nur relativ zu sich selbst erkennen.“ (435)

Daraus artikulierte sich das moderne Lebensgefühl:

Gigantismus und Getümmel, exzessiver Krach, Geschwindigkeit und Komplexität beherrschten das menschliche Umfeld. Die Welt, in der der Mensch lebte, wurde genauso unpersönlich wie der Kosmos seiner Wissenschaft. Angesichts eines von Anonymität, Leere und Materialismus beherrschten modernen Lebens schien es zunehmend zweifelhaft, ob der Mensch seine Humanität in einer technologiebestimmten Umwelt bewahren konnte. (458)

In diesem Klima gedieh der Prophet der Moderne, Friedrich Nietzsche. Seine Welt war „radikal unbestimmt“ (467). Die höchste Wahrheit „werde im Inneren des Menschen durch die selbstschaffende Kraft des Willens geboren.“ (ebd.)  Von hier war die geisteswissenschaftliche Distanz bis zum Existenzialismus nicht mehr weit: „Wie der Mensch zu einem bedeutungslosen Partikel im modernen Universum geworden war, so war der Einzelne in den modernen Staaten zu einem unter Millionen anderen geworden, unbedeutend, manipuliert und genötigt.“ (489) „Es gab keinen ewigen Plan, keinen vorherbestimmten Zweck. Dinge existierten, weil sie existierten, nicht aus einem ‚höheren‘ oder ‚tieferen‘ Zweck. Gott war tot; das Universum war blind für menschliche Belange, ohne Sinn und Zweck.“ (490-491)

Tarnas fasst zusammen:

Das westliche Denken durchlief im Laufe der Moderne eine bemerkenswerte Dialektik. Am Beginn stand ein fast grenzenloses Vertrauen in den Menschen: in seine eigenen Kräfte, in sein spirituelles Potenzial; in seine Fähigkeit, sicheres Wissen erlangen und die Herrschaft über die Natur immer weiter ausdehnen zu können; in sein positives Schicksal. Am Ende befand sich der Mensch in einer Situation, die sich nicht selten durch die genau entgegengesetzten Merkmale auszeichnete: ein lähmendes Gefühl der eigenen metaphysischen Bedeutungslosigkeit und persönlichen Nutzlosigkeit; den Verlust des Glaubens; die Ungewissheit des Wissens; eine wechselseitig zerstörerische Beziehung zur Natur; eine intensive Ungewissheit, was die Zukunft des Menschen anbetraf. In den vier Jahrhunderten der Existenz des modernen Menschen hatten sich Bacon und Descartes in Kafka und Beckett verwandelt. (496)

Wie scharf erkannte Tarnas die moderne Krise: Sie lag in der Erkenntnistheorie (529). Der Konsens, dass die Wirklichkeit erschaffen sei, stellt er als den dritten und letzten Schritt einer schrittweisen Entfremdung dar:

Der Konsens ist klar: Die Welt ist im Grunde ein Konstrukt. Menschliches Wissen ist zunächst einmal Interpretation. Es gibt keine perspektiven-unabhängigen Tatsachen. Jeder Akt der Wahrnehmung und Erkenntnis ist kontingent, vermittelt, orts- und kontextgebunden, vollkommen durchdrungen von Theorie. Die menschliche Sprache verfügt über keine Grundlagen in einer von ihr unabhängigen Wirklichkeit. Bedeutung wird erst vom Geist hervorgebracht, sie wohnt nicht irgendeinem Objekt in einer Welt jenseits des Geistes inne, denn es ist unmöglich mit dieser Welt in Kontakt zu treten, ohne dass diese Begegnung durch und durch von der Beschaffenheit des Geistes geprägt ist. Es herrscht eine tiefgreifende und grundlegende Unsicherheit, denn am Ende ist das, was als Wissen und Erleben gilt, blosse Projektion. … So wurde die von Kopernikus initiierte kosmologische Entfremdung des modernen Bewusstseins und die von Descartes initiierte ontologische Entfremdung vervollständigt durch die von Kant initiierte erkenntnistheoretische Entfremdung; ein dreifaches Gefängnis moderner Entfremdung. (525)

Während Tarnas durch das ganze Buch indirekt seine eigene – möglichst objektivierte – Perspektive beschreibt, kommt er am Schluss des Buches zu eigenen Schlussfolgerungen. Er spricht vom Ende des 20. Jahrhunderts von einer „Zeit der intensiven Erwartung“. Die grosse bestimmende Kraft unserer Wirklichkeit sei „der geheimnisvolle Prozess der Geschichte selbst“. Hier offenbart sich das modernistische Bild des Autors. Er gleitet nicht den Deismus, sondern in einen Jung’schen Pantheismus ab, wenn er sein letztes Buch unter den Titel „Erkenntnis aus dem Unbewussten“ stellt. Jeder Autor untersteht letztlich selber einer Weltsicht, der er sich nicht entziehen kann.

Fazit: Ich empfehle das Buch jedem Studenten der Geisteswissenschaft. Es wird ihm helfen, den eigenen Standort zu erkennen. Spannend ist der Abgleich mit der biblischen Weltsicht.