Buchbesprechung: Archipel Gulag

Alexander Solschenizyn. Der Archipel Gulag. Scherz-Verlag: Bern, 1974. 607 Seiten. Antiquarisch ab 0,50 Euro.

Zu diesem Buch gibt es im Netz gute Hintergrundinformationen, auf die ich zurückgreife.

Solschenizyns „Archipel Gulag“ ist hochaktuell. So lautet der Titel eines Artikels in der WELT angesichts des 40-jährigen Jubiläums.

Das war am 28. Dezember 1973, als Solschenizyns Buch „Der Archipel Gulag“ erschien. Gulag, eine Abkürzung für „Hauptverwaltung der Lager“ (Glawnoje Uprawlenje Lagerej), steht bis heute als Inbegriff sowjetischer Schreckensherrschaft. Die Lager wurden für rund 20 Millionen Menschen zum Schicksal, etwa zwei Millionen starben. Der Literaturnobelpreisträger Solschenizyn entlarvte in seinem dichterisch gestalteten Tatsachenbericht nicht nur die Sowjetunion als Diktatur. Er entriss dem Kommunismus an sich dessen menschliches Antlitz.

Zur Bedeutung des Buches schreibt Johannes Grützmacher:

Der „Archipel Gulag“ ist eine gewaltige Anklageschrift vor dem Tribunal der Geschichte. Beweis wird auf Beweis gehäuft, so leidenschaftlich und radikal, dass an ein Erscheinen des Buchs in der UdSSR von vornherein nicht zu denken war. Am verstörendsten für die Sowjetmacht muss es gewesen sein, dass Solženicyns Epos der sowjetischen Lebenslüge den Boden entzog, ein prinzipiell richtiges, unter den besten Vorzeichen gestartetes Unterfangen sei von Stalin korrumpiert worden – eine Einschätzung, wie sie auch von Trotzkisten und Maoisten in Ost und West vertreten wurde. Das war einer der Gründe, warum der „Archipel Gulag“ auch im Westen zwiespältig aufgenommen wurde. Er zwang zur Stellungnahme nicht nur zum Stalinismus, sondern zum ganzen sowjetischen System.

Worin liegt die Faszination des Lesens? Nochmals Grützmacher:

Ganz zweifellos nimmt das Buch eine herausragende Stellung innerhalb des Genres der Lagerliteratur ein. Soweit es die Thematik erlaubt, liest man den „Archipel Gulag“ richtig gern. Dabei macht Solženicyn es einem nicht leicht. Schon der Umfang schreckt ab, vor allem aber ist die literarische Technik anspruchsvoll: die Montage unterschiedlichsten Materials, ständige und abrupte Perspektivenwechsel, das Oszillieren zwischen Reflexion und Erzählung, zwischen Allgemeinem und Autobiographischem, die ausführlichen Zitate sowjetischer Gesetzestexte und Gerichtsprotokolle.

5 Gründe um das Buch zu lesen:

  1. Wer wissen will, wie es um das Heute bestellt ist, muss das Gestern kennen.
  2. Es wird deutlich, wie stark eine Ideologie ein gesamtes System beherrschen kann.
  3. Das Buch ist ein Mahnmal: Das ist wirklich geschehen.
  4. Die Überlegungen Solschenizyns zur Moral wiegen auf dem dunklen Hintergrund umso schwerer.
  5. Ich habe einige Überlegungen für mein eigenes Leben übernommen (Menschenfurcht, Loslassen, mutig auftreten ohne sich an die Wand zu stellen, Erinnerungen, Kultur der Scheinargumente)

Diese Leseempfehlung kann ich unterschreiben.

Wenig kann man sagen zu diesem Kraftakt, das geeignet sein würde, dessen Maßgeblichkeit zu umschreiben: Pflichtlektüre? Fesselnde Weltliteratur? Basis zur politischen und Herzensbildung? Ja, natürlich! Der Autor: widersprüchlich bis zum Limit. Das ganze Leben Dissident und Verfolgter – worüber dies Werk beredtes Beispiel bietet! -, wendet er sich in den letzten Lebensjahren nach der „Ostöffnung“ einer nach wohl überwiegender Auffassung eher problematischen Großmachtfantasie zu… Das Buch: Einzigartig! Die Magennerven ankränkelnd, schildert der Betroffene den „Alltag“ in den berüchtigten Gulags: sinnlose Schikanen, sinnlose Grausamkeiten, sinnlose „Haft“ an sich… Die „Lagerhaft“ als Mittel zur Brechung des gesamt-gesellschaftlichen Rückgrats – sinnlos nach allen Maßstäben. Und gute Magennerven braucht der Leser: drastisch wird das Alltägliche geschildert, ungeschönt, in harten Worten. Dafür umso direkter. Der Message entkommt man nicht. Ein Meisterwerk aller Klassen. Lesepflicht für alle.